
Lebensort Vielfalt aus Sicht einer Angehörigen und ihres Vaters
Interkulturelle Nachmittage, ein multikulturelles Team und gemeinsame Ausflüge zum Christopher Street Day: Tochter Susan und Vater Manouchehr Navissi erzählen, warum das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg für sie ein echter Lebensort Vielfalt ist und ihnen Sicherheit gibt.
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LOVE-Storys aus dem Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg
LOVE heißt bei uns Lebensort Vielfalt erleben: Die Vielfalt zeichnet sich in unserer Einrichtung neben einer queersensiblen Pflege auch durch eine (post-)migrationssensible Dimension aus. Lernen Sie unsere Einrichtung und die Menschen in unseren LOVE-Storys kennen.
Ein Interview mit Bewohner Manouchehr Navissi und seiner Tochter Susan Navissi
Manouchehr Navissi lebt seit mehr als zwei Jahren im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg. Seine Tochter Susan engagiert sich dort ehrenamtlich und gestaltet interkulturelle Nachmittage. Jede Veranstaltung ist einem anderen Land gewidmet. Es gibt kleine Spezialitäten des Landes, literarische Lesungen und Austausch. Im Interview erzählen beide, wie Offenheit, Begegnung und Lernen den Alltag prägen und warum Vielfalt ihnen Sicherheit gibt
Wie geht es Ihnen im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg?
Susan Navissi: Wir sind total zufrieden hier. Papa, bist du zufrieden?
Manouchehr Navissi: Ich bin zufrieden.
Was macht das hier zum Lebensort Vielfalt für Sie?
Susan Navissi: Es freut mich, dass das Team selber vielfältig ist. Es ist ein multikulturelles Team. Das heißt, dass auch viele Sprachen gesprochen werden. Die Vielfalt wird auch im Schwerpunkt Queerness repräsentiert – in der Belegschaft, aber eben auch mit den Veranstaltungen. Die Leute gehen zum Christopher Street Day mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Das finde ich großartig. Hier war auch ein bezaubernder, schwuler Männerchor und hat gesungen im Juli. Und wir haben hier einmal Märchen gelesen, die noch mal aufbereitet wurden. Da wurden zum Beispiel diese ganzen Geschlechterstereotypen ein bisschen durchbrochen und die Leute zum Nachdenken angeregt.
Herr Navissi, Sie gehen mit zum Christopher Street Day und nehmen an anderen Aktivitäten teil. Wie gefällt Ihnen das?
Manouchehr Navissi: Oh ja, sehr gut. Es macht mich jünger. Es freut mich, wenn ich mit den jungen Menschen zu tun habe.
Was ist für Sie interessant hier?
Manouchehr Navissi: Neue Ideen. Neue Meinungen. Von den gleichaltrigen und älteren Menschen. Ich bin so einer von den alten Menschen in der modernen Welt.
Frau Navissi, Sie bieten die interkulturellen Nachmittage an. Wie läuft das ab?
Susan Navissi: Ja, mein Papa braucht ein bisschen kulturellen Input. Wir machen Lesungen mit Gedichten, Geschichten und Märchen aus verschiedenen Ländern. Jeden Monat haben wir ein Land als Schwerpunkt und besprechen alles, was uns dazu einfällt. Also sowohl Urlaubserinnerungen, als auch Gedichte von berühmten Dichterinnen oder Dichtern aus dem Land. Das kommt sehr gut an, diese Mischung aus kulturellem Anspruch einerseits und andererseits einem Schlückchen Wein, zum Beispiel aus Indien. Der hat schrecklich geschmeckt, haben wir aber probiert. (Lacht.) Ich glaube, das gefällt den Leuten sehr gut. Und dir gefällt das auch, Papa, ne?
Manouchehr Navissi: Ja.
Haben Sie den Eindruck, bei den interkulturellen Nachmittagen passiert etwas mit den Leuten, außer dass es eine nette Unterhaltung ist und mal was los ist?
Susan Navissi: Ja. Die Generation, die sich hier trifft, die hatte es ja nicht so leicht. Die haben nicht in der Schule schon alles Mögliche gelernt zum Thema Vielfalt. Das heißt, es ist herausfordernd manchmal. Aber genau deswegen wollen wir im Gespräch sein. Wir wollen verschiedene Dinge essen und probieren und sagen, was uns gefällt und auch was uns nicht gefällt. Wir haben auch sehr spannende, tolle politische Diskussionen. Hier sind ein paar Bewohner*innen, die wirklich ganz viel Wissen haben und das auch mitteilen.
Das heißt, Vielfalt wird hier auch gelernt, selbst im hohen Alter noch?
Susan Navissi: Ja, Vielfalt wird gelernt, und wir Angehörigen haben auch viel gelernt. Auch zum Beispiel eine Demenz zu haben, gehört zu Vielfalt. Dazu hatten wir eine unglaublich tolle Fortbildung. Ich habe erfahren, dass das ganze Haus diese Fortbildung hatte. Großartig. Mir hilft das immer noch, wenn ich unsicher bin. Auch das ist Vielfalt für mich: dass wirklich alle zusammenarbeiten an den verschiedenen Formen unseres Seins. Das ist ganz breit gefächert.
Die Vielfalt ist nicht nur ein Schild, sondern wird auch gelebt.
Susan Navissi, Angehörige
Warum ist es Ihnen wichtig, einen Lebensort Vielfalt für Ihren Vater zu haben?
Susan Navissi: Wir selbst repräsentieren auch die Vielfalt in Berlin. Wir repräsentieren Berliner Bürgerinnen, die nicht weiß sind. In der aktuellen politischen Gemengelage haben wir Angst, dass wir, oder mein Papa in dem Fall, unter Diskriminierung leiden könnte. Meine größte Angst ist tatsächlich, Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe.
Hier habe ich ganz großes Vertrauen, dass das nicht der Fall ist. Weil eben der Schwerpunkt diversitätssensible Pflege schon da ist. Gleich bei meinem ersten Treffen hier hatte ich einen angenehmen Eindruck. Das war ganz klar, super kommuniziert, unprätentiös. Ich war super froh, dass wir diesen Platz hier gefunden haben. Und das hat sich über diese zwei Jahre auch immer wieder bestätigt: Die Vielfalt ist nicht nur ein Schild, sondern wird auch gelebt.
Woran merken Sie das?
Susan Navissi: Ich würde gerne eine Frau zitieren, die bei der letzten Lesung, als wir das Land Indien hatten, etwas Schönes gesagt hat. Sie ist erst ganz neu hier. Wir haben so gesessen und gequatscht und dann hat sie gesagt: „Ich möchte einen Toast aussprechen: Danke, mir geht es jetzt wieder gut. Ich fühle mich wieder gut, weil hier niemand genervt ist von mir.“ Ich fand das so schön. Das ist so ein bisschen der Geist hier im Haus. Das ist mein Eindruck, dass die Leute so sein dürfen, wie sie sind. Das hat mit Vielfalt zu tun.