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Wie queer- und migrationssensible Pflege im Alltag gelingt

Nicole Oerder, Leiterin des Immanuel Seniorenzentrums Schöneberg und Ralf Schäfer, Beauftragter für Diversität und queere Lebensweisen in der Sparte Wohnen und Pflegen der Immanuel Albertinen Diakonie sprechen bei Radio Pardiso darüber, wie es gelingt, queer- und migrationssensible Pflege im Alltag umzusetzen und wie Bewohnerinnen, Bewohner und Teams von diesem Ansatz profitieren.

Julia Nogli: Radio Paradiso mit Natürlich Gesund. Ich bin Julia Nogli und heute gratulieren wir gewissermaßen dem Immanuel-Senioren-Zentrum Schöneberg zur Rezertifizierung Lebensortvielfalt. Gäste im Studio sind dessen Leiterin Nicole Oerder und der Beauftragte für Diversität und queere Lebensweisen in der Sparte Wohnen und Pflegen, der Immanuel Albertinen Diakonie Ralf Schäfer.

Nicole Oerder: Hallo, ich grüße Sie. Guten Abend.

Ralf Schäfer: Hallo, vielen Dank für die Einladung.

Julia Nogli: Ja, bevor wir gleich auf dieses Zertifikat, das muss man ja alles mal ein bisschen erklären und eben diesen Lebensortvielfalt eingehen. Vielleicht beschreiben Sie kurz, Frau Oerder, was ist das Seniorenzentrum Schöneberg für eine Einrichtung?

Nicole Oerder: Ja, beim Seniorenzentrum in Berlin-Schöneberg handelt es sich um eine vollstationäre Pflegeeinrichtung, die im Herzen des wunderschönen Stadtteils Schöneberg liegt. Direkt an der Hauptstraße, mittendrin im Leben, können unsere Senioren am Leben ganz normal teilnehmen, halt nur mit Pflegebedarf. Genau, wir bieten vollstationäre Pflege an, wir bieten Verhinderungspflege an.

Bei uns fühlen sich alle Menschen wohl, egal welcher geschlechtlichen Identität oder welches Migrationshintergrund ist. Bei uns fühlt sich jeder willkommen, ob als Bewohner oder als Mitarbeitender. Wir sind ein absolut offenes Haus und freuen uns über jeden, der neue Ansichten, neue Lebenswelten zu uns mit reinbringt.

Julia Nogli: Ganz kurz nach, was ist ein Verhinderungspflege?

Nicole Oerder: Verhinderungspflege findet dann statt oder kann dann beantragt werden, wenn Menschen zu Hause mit einem Pflegegrad gepflegt werden von den Angehörigen oder von der ambulanten Pflegediensten und die Angehörigen vielleicht mal in Urlaub fahren wollen oder selber ein Krankenhausaufenthalt oder sowas vor sich haben. Um dann ihre Liebsten gut aufgehoben zu wissen, können sie sie dann für eine gewisse Zeit in eine stationäre Versorgungsform geben und das führen wir auch bei uns durch.

Julia Nogli: Herr Schäfer, Lebensortvielfalt, erklären Sie doch mal, Zertifizierung, das ist so eine Art Siegel, dass sie da eben queersensibel und migrationssensibel dort gepflegt wird. Was bedeutet das alles und warum haben Sie das mal ursprünglich bekommen und warum jetzt noch mal zum dritten Mal jetzt noch mal neu?

Ralf Schäfer: Also vielleicht zur Begrifflichkeit nochmal, es ist tatsächlich ein Qualitätssiegel, das verliehen wird und das ist 2018 erstmals in Deutschland vergeben worden. Die Initiative kam vom Bundesministerium zu seiner Zeit und die Schwulenberatung Berlin ist beauftragt worden, ein einheitliches Siegel zu entwickeln, Prüfverfahren, um Einrichtungen einzuschätzen, ob sie queersensibel sind. Ursprünglich 2018 sind wir das erste Mal zertifiziert worden, war der Fokus tatsächlich auf LSBTIQ kultursensible Pflege und rudimentär waren da auch zwei, drei Aspekte vertreten, um Migrations- oder postmigrantische Perspektiven mit abzudecken.

Und wir haben uns seit 2018 auf den Weg gemacht in der Einrichtung, haben das dann verstetigt, sodass es für uns keine Frage war, die erste Rezertifizierung durchzuführen. Und bei der zweiten Rezertifizierung war jetzt die Überlegung ein bisschen länger, weil das Qualitätssiegel ist jetzt offiziell erweitert worden, um die postmigrantische Vielfalt. Und das hieß für uns, dass die Konzeptionen und Verfahrensanweisungen, die wir bisher schon eingereicht haben, alle nochmal in die Hand genommen werden mussten, um genau zu prüfen, ob in der Konzeption, in unseren Vorgaben, Verfahrensanweisungen auch die postmigrantische Vielfalt ausreichend mit berücksichtigt ist.

Entsprechend wurde dann auch der Prüfkatalog angepasst und da ist der Fokus natürlich dann auf der postmigrantischen Perspektive einmal in Bezug auf Bewohnende, aber auch auf Mitarbeitende entsprechend erweitert worden, was dann auch nochmal für die Einrichtung, für die Mitarbeitenden vor Ort eine Herausforderung war, die Kriterien zu erfüllen und dann auch in die Umsetzung zu bringen.

Julia Nogli: Das klingt jetzt ja alles sehr theoretisch. Wie sieht das in der Praxis aus? Wie viele Menschen sind bei Ihnen und was ist das für eine Mischung von Menschen, die da so bei Ihnen sind?

Nicole Oerder: Ja, also Menschen bei uns kann ich sagen, wir haben ja Menschen, die bei uns wohnen und Menschen, die bei uns arbeiten. Bei uns wohnen 62 Menschen. Die kommen aus den verschiedensten Kulturkreisen.

Die haben die verschiedensten Hintergründe, was sie so mitbringen. Also das ist ganz, ganz bunt gemischt, was unfassbar schön ist. Man lernt ganz viel und man bekommt ganz viele wertvolle Erfahrungen geteilt.

Da bin ich sehr dankbar dafür. Und die anderen Menschen sind unsere bei uns arbeitenden Personen. Und da sieht es im Prinzip genauso aus.

Also ich weiß gar nicht, ob es noch bunter und noch vielfältiger geht als in der Mitarbeiterschaft dort im Immanuel-Senior-Zentrum Schöneberg.

Julia Nogli: Genau. Das bedeutet aber auch jetzt, gerade jetzt die dort betreuten Menschen, die dort wohnen, dass die oder in der stationären Pflege sind. Die müssen jetzt aber nicht Migrationshintergrund haben oder eine sexuell andere Orientierung sozusagen.

Also sind alle Menschen da, so wie sie sind.

Nicole Oerder: Ja, also wir wollen ja nicht eine Spezialität für irgendwen sein, sondern wir wollen im Kleinen die Welt so machen, unsere kleine Welt, so wie wir uns die Welt eigentlich im Großen vorstellen würden, dass es einfach nur vollkommen egal ist. Es ist egal, welche sexuelle Identität jemand hat. Es ist vollkommen egal, wo jemand herkommt, in welcher Sprache jemand ursprünglich mal gesprochen hat, ob er seine Familienangehörigen als Vertrauenspersonen bezeichnet oder den Nachbarn.

Es ist alles vollkommen egal. Jeder Mensch, der da reinkommt, bringt seine Dinge mit, seine Erfahrungen, seine Ansprüche, seine Bedürfnisse. Und die werden einfach angenommen und wertungsfrei realisiert und akzeptiert.

So stellen wir uns die Welt vor und so wollen wir unsere kleine Welt machen. Das ist unsere Idee.

Julia Nogli: Da begegnen sich dann ja praktisch auch Menschen eben zum Beispiel aus verschiedenen Kulturen oder anderen Hintergründen im Alter, die sich vielleicht sonst gar nicht im Berufsleben oder vorher mal begegnet wären, oder? Also wie ist denn das so?

Nicole Oerder: Das ist total schön und total spannend, total schön, vor allen Dingen für die Menschen, die dann voneinander lernen, die im Alter, wo man es eigentlich gar nicht mehr vermutet, noch in ganz andere Lebenswelten eintauchen können. Also wer hat das schon? Wer kann schon mit 93 Jahren sagen?

Er hat das erste Mal einen Vortrag darüber gehört, was das Zuckerfest ist. Ja, und solche Geschichten passieren bei uns halt eigentlich täglich.

Julia Nogli: Herr Schäfer, Sie sagten, es gibt ja sogar jetzt nochmal einen aktuellen Bezug. Man denkt sich ja, das ist immer schon wichtig und auf dem Schirm. Aber was meinen Sie damit?

Warum Sie so Diversität und so weiter nochmal für besonders wichtig halten?

Ralf Schäfer: Ja, die Intention, die wir verfolgen in der Einrichtung ist, wie Frau Oerder jetzt gerade ausgeführt hat, dass wir eben alle Lebensrealitäten und Lebenswelten inkludieren und da ein gutes Miteinander organisieren. Und dass es aber immer noch wichtig ist, sich um das Thema zu kümmern. Vielfalt und Diskriminierung zeigen einfach die gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die trotz der Fortschritte, die wir in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, doch auch wieder rückwirkend momentan sich entwickeln, was die Gleichstellung von den Geschlechtern zeigt oder Vielfalt und die Polarisierung auch zu Rollenbildern in der Gesellschaft.

Und deshalb ist es einfach notwendig, dass wir an dem Thema dranbleiben und uns damit auseinandersetzen. Und Hintergrund sind dann einfach auch die gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten, die halt im Augenblick sehr oft in den Medien auftauchen und im öffentlichen Diskurs. Und da werden einfach Menschen auch abgewertet oder anders behandelt aufgrund von Merkmalen, die ihnen zugeschrieben werden oder die auch vorhanden sind.

Und da fallen darunter wie die Herkunft, wie die eigenen körperlichen Fähigkeiten, sexuelle und geschlechtliche Identität, die Herkunft. Das sind so Merkmale, aufgrund dessen eben dann auch so eine Ausgrenzung passieren kann. Und es gibt ja jährlich den Report vom Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusreport.

Und der Report von 2023 hatte den Schwerpunkt auf Gesundheitswesen. Und das ist halt auch sehr deutlich geworden, dass im Gesundheitswesen gut 30 Prozent der Menschen Diskriminierung, Ausgrenzung, Ungleichbehandlung erfahren. Das sind dann solche Sachen, dass eben migrantisch gelesene Menschen häufig nicht ernst genommen werden oder dass Zuschreibungen erfolgen, dass migrantisch gelesene Männer, dass man denen zuschreibt, dass sie irgendwelche Beschwerden dramatisieren oder übertreiben würden.

Und das hat natürlich dann Auswirkungen auf diese Menschen, wenn sie das tagtäglich so erleben.

Julia Nogli: Auch mit ihnen wird anders gesprochen manchmal, so überdeutlich und laut.

Ralf Schäfer: Und so eine leichte Sprache wird dann einfach angewendet, weil man voraussetzt, dass die Sprachkompetenz nicht vorhanden ist. Und das führt dann halt auch häufig dazu, dass Betroffene eben vielleicht Leistungen zu spät oder überhaupt nicht im Gesundheitssystem in Anspruch nehmen, dass während dem Bezug jetzt mit Verhinderungspflege, dass dann Menschen mit Migrationsgeschichte oder auch queere Menschen dann eher eine Scheu haben, solche Verhinderungspflege oder Angebote in Anspruch zu nehmen, weil sie eben Angst haben, diskriminiert zu werden, weil sie nicht sicher sein können, dass eben in den Einrichtungen da nicht proaktiv auch gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Ungleichbehandlung vorgegangen wird. Und da gibt es noch eine zweite Studie von der Schwulenberatung Berlin, die das Berliner Gesundheitswesen ein bisschen beleuchtet haben. Die Studie ist von 2019.

Da ist auch sehr deutlich geworden, dass gerade queere Menschen im Berliner Gesundheitssystem oftmals von Diskriminierung betroffen sind.

Julia Nogli: Ich will mal gleich, weil das so eine gesellschaftspolitische Dimension hat, aber wieder zu Frau Erder in die Praxis. Was bedeutet es für die Mitarbeitenden? Werden die da besonders geschult?

Haben die eine besondere Ausbildung?

Nicole Oerder: Ja, tatsächlich werden unsere Mitarbeitenden besonders geschult und zwar von einem ganz großartigen Trainer, der sich sehr, sehr viele Jahre schon mit diesem Thema beschäftigt und uns, ich glaube, zweimal im Monat so ungefähr das letzte anderthalb Jahr intensiv zur Verfügung stand. Und da ist das der nette Herr Schäfer, der uns hier auch gegenübersteht. War ja auch selbst Leiter der Einrichtung.

Genau, genau. Also er kennt die Mitarbeiter, er kennt alle Prozesse und ist natürlich auch in dieser ganzen Geschichte unfassbar tief drin. Und deswegen haben wir da natürlich den besten Rückgriff auf ihn.

Und das wird auch regelhaft weitergeführt.

Julia Nogli: Geht es Ihnen auch selber? Sie selber sind ja jetzt noch nicht so lange an der Einrichtung. Haben Sie da selber auch schon dazugelernt und Dinge, wo Sie dachten, ach, habe ich noch nie darüber nachgedacht?

Jeden Tag, jeden Tag.

Nicole Oerder: Also ich bin eine Krankenschwester und zwar zu DDR-Zeiten noch sozialisiert. Also ich bin so eine Ost-Biografie. Und da war vor allen Dingen die Begegnung mit migrantischen Lebenswelten eher gar nicht so da.

Als ich meine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht habe, war das überhaupt gar kein Thema, überhaupt nicht. Und jetzt, wenn man jetzt ganz viel über Religionen und über die Rituale in Religionen erfährt, da lernt man jeden Tag dazu.

Julia Nogli: Aber es gibt vielleicht hier und da auch Konflikte. Die wird es ja immer mal geben, wie auch zwischen Bewohnern oder so. Wie geht man damit dann um?

Nicole Oerder: Indem man auch den Bewohnenden die Möglichkeit gibt, Wissen zu erwerben. Also niemand, der dort wohnt, möchte gerne mit irgendwelchen anderen Menschen anecken oder möchte mit denen Stress haben. Sondern es gibt ja mit Sicherheit einen Grund dafür, dass bestimmte Dinge geregelt werden, so wie sie geregelt werden.

Wenn zum Beispiel das Ende eines Lebens absehbar ist und dann gibt es bestimmte Kulturen, da ist es einfach normal, dass sich alle, die gesamte Familie in allen Zweigen von demjenigen verabschieden, auch Kinder. Und dann kann es sein, dass in einem Pflegeheim bei einer sterbenden Person plötzlich zehn Erwachsene und 15 Kinder ums Bett springen. Dass das der eine oder andere Bewohner ein bisschen komisch findet, das kann man verstehen.

Wiederum versteht er das dann sehr gut, wenn er die kulturellen Hintergründe versteht. Und genau dazu dient ja auch dieses Betreuungsangebot, was wir ja im Prinzip jede Woche haben wir irgendwelche bestimmten kulturellen Betreuungsangebote, wo einfach ganz viel Wissen vermittelt wird. Es geht nicht darum, dass man sagt, ihr müsst das alles verstehen, sondern ihr müsst es erst mal wissen, warum ist das so?

Das hat ja einen Grund. Es geht ja nicht darum zu sagen, ja, die machen das halt so, sondern warum wird das so gemacht? Ja, und wenn man dieses Wissen hat, dann fällt es einem viel leichter, das Ganze mit anderen Augen zu sehen und zu verstehen, warum es Menschen wichtig ist, bestimmte Dinge zu tun.

Ralf Schäfer: Und für Mitarbeitende hat das natürlich auch eine hohe Bedeutung, sich damit auseinanderzusetzen, gerade auch zu Themen wie Stereotype, Vorurteile, solche Veränderungen von mir fremd erscheinenden Gewohnheiten oder Menschen, die sind uns nicht immer sehr präsent. Und manchmal wissen wir gar nicht, dass wir da vielleicht ausgrenzend oder verletzend sprechen oder auch handeln. Und da ist es ganz wichtig, dass für Mitarbeitende eben auch diese Schulungsangebote gemacht werden und ein Raum geschaffen wird, da über eigene Vorstellungen, Vorurteile sich einmal erst bewusst zu werden, darüber zu reflektieren und dann auch in den Austausch und in den Dialog zu kommen.

Julia Nogli: Ja, eben war schon die Rede zum Beispiel auch von Festlichkeiten oder so was. Ja, also wird Weihnachten, Ostern, aber auch Zuckerfest und andere Dinge angeboten und gemeinsam gefeiert.

Nicole Oerder: Genauso, ganz genauso. Es wird angeboten. Es werden auch in unserer Hauszeitung, werden da Artikel dann auch drüber verfasst, zum Beispiel als jetzt Ramadan begann, gab es einen großen Artikel.

Was das überhaupt ist? Ja, und dann jetzt das Zuckerfest haben sie zusammen gefeiert, ganz genau. Und eine Angehörige zum Beispiel, die hat neulich einen iranischen Abend veranstaltet und hat gekocht und hat ganz viel über die Speisen erzählt und hat den interessierten Teilnehmenden da ganz, ganz viel von der Kultur nahegebracht.

Und das fand ich auch ganz, ganz spannend.

Julia Nogli: Also es wird vor allen Dingen eine Atmosphäre geschaffen, in der sich jeder, jede wohlfühlen kann, ja.

Ralf Schäfer: Ja, um die Atmosphäre dann auch dauerhaft beizubehalten, deshalb gibt es auch die Rezertifizierungen, ist es halt wichtig, dass es solche Leitplanken gibt in der Einrichtung, dass es zum Beispiel Gewaltschutzkonzept gibt, dass Mitarbeitende und auch Bewohnende wissen, wie in der Einrichtung umgegangen wird, wenn es zu Übergriffen kommt, sei es jetzt diskriminierende Äußerungen oder, großes Thema auch in der Pflege, sexualisierte Gewalt, sei es jetzt, dass Mitarbeitende davon betroffen sind oder auch Bewohnende.

Das sind so Beispiele, die dann dazu beitragen, dass da sichere Lebensräume geschaffen werden für beide Seiten, Mitarbeitende wie auch die Bewohnenden.

Julia Nogli: Sie unternehmen da tatsächlich viele Anstrengungen und das ist eben queersensibel und migrationssensibel. Die Pflege ist auch, was die Mitarbeitenden angeht, aber das heißt ja nicht, dass es darauf allein spezialisiert ist, die Einrichtung, also es mischt sich auch mit sozusagen Leuten, die einfach aus dem Kiez sind.

Ralf Schäfer: Ja, da haben Sie völlig recht. Wir haben jetzt sehr den Fokus gesetzt in dem, was wir bis jetzt erzählt haben und berichtet haben auf die queeren Lebenswelten und die postmigrantische Vielfalt. Aber wir sind eine ganz normale Pflegeeinrichtung und der Querschnitt der Gesellschaft bildet sich auch bei uns in der Einrichtung ab.

Das heißt, bei den Bewohnenden liegen wir so im Schnitt, Nicole, korrigiere mich, bei ungefähr 20 Prozent an Bewohnenden, die entweder einen queeren Lebensweltenhintergrund haben oder einen postmigrantischen Hintergrund. Anders sieht es ein bisschen aus bei der Mitarbeitendenschaft im Gesundheitswesen. Wir sind angewiesen auf Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, um überhaupt noch vernünftig arbeiten zu können.

Und so ist teilweise bei uns in der Einrichtung über 50 Prozent der Mitarbeitenden haben Migrationshintergrund.

Julia Nogli: Vielleicht können Sie da noch mal aus der Praxis erzählen, was das bedeutet, dass Sie da auch speziell drauf eingehen oder Rücksichten nehmen oder Dinge vielleicht anders als ein normaler Arbeitgeber möglicherweise berücksichtigen.

Nicole Oerder: Ja, es fängt schon an, wenn sich jemand bei uns bewirbt, dann wird derjenige gefragt, wie er gerne angeredet werden möchte. Also, das wird dann natürlich auch respektiert. Damit fängt die Akzeptanz eigentlich schon an.

Und wenn wir dann, so wie wir jetzt auch eine Mitarbeitende haben, die den Ramadan verbringt in ihrem Glauben und kann das aber nicht mit ihrer Arbeitstätigkeit verbinden, dann bekommt sie halt, weil das so abgesprochen ist mit uns, ihren Urlaub auf diese Zeit gelegt. Das ist überhaupt gar kein Problem. Und es gibt auch keine Nachfragen, weil jeder weiß, worum es da geht.

Und ich finde auch gerade, dass wir so einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund bei uns als arbeitende Personen haben, das macht die Sache auch etwas einfacher, weil die die Mitarbeitenden so auch aus ihrer eigenen Welt berichten können.

Julia Nogli: Sichere Lebensräume schaffen für die Bewohner und auch das Personal. Darum bemüht man sich täglich im Seniorenzentrum Schöneberg. Und das ist dafür auch rezertifiziert worden.

Quasi hat noch mal ein Siegel als Lebensort Vielfalt bekommen. Dennoch bildet es natürlich den Querschnitt der Bevölkerung in Schöneberg ab, wie wir gehört haben. Wenn Sie da mehr darüber wissen möchten, mehr Infos finden Sie auf www.paradiso.de in der Mediathek unter Natürlich gesund. Einen schönen und entspannten Abend für Sie mit Radio Paradiso.

Schriftzug LOVE-Story – Lebensort Vielfalt erleben

Was bedeutet diversitäts- und (post-)migrationssensible Pflege konkret im Alltag unseres Seniorenzentrums? In unserer Serie „Die LOVE-Story – Lebensort Vielfalt erleben“ geben Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Angehörige persönliche Einblicke.

Zu unseren LOVE-Storys

Diversity in der Pflege: Aus welchem Grund Vielfalt so wichtig ist!

In der Radio Paradiso-Sendung „Natürlich gesund“ führt Ralf Schäfer, Beauftragter der Immanuel Albertinen Diakonie für Diversität und queere Lebensweisen, aus, was Diversity im Alltag einer Pflege- und Gesundheitseinrichtung bedeutet.

Julia Nogli

Radio Paradiso mit Natürlich gesund. Ich bin Julia Nogli und Diversity in der Pflege. Aus welchem Grund Vielfalt so wichtig ist, so heißt unser Thema heute.

Gast hier im Studio ist Ralf Schäfer, Beauftragter für Diversität und queere Lebensweisen der Immanuel Albertinen Diakonie Sparte Wohnen und Pflegen. Hallo, ich grüße Sie.

Ralf Schäfer

Guten Abend, Frau Nogli, vielen Dank für die Einladung.

Julia Nogli

Sehr gerne. Ja, Diversity in der Pflege, also Vielfalt. Seit wann ist das überhaupt für Sie und auch Ihre Einrichtungen ein Thema?

Ralf Schäfer

Diversity in der Pflege war, glaube ich, immer schon Thema in unseren Einrichtungen. Aber vielleicht vorweg erst mal, wenn wir über Diversity sprechen, dann mache ich so ein bisschen die Erfahrung, dass unter Diversity entweder wird da der Themenkomplex sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität verstanden und sonst nichts. Oder Diversity wird unter dem Gesichtsaspekt oder dem Diversity-Merkmal Migration verstanden.

Und mir ist es ein großes Anliegen, das global zu sehen, also komplett, was da alles mit reingehört. Das sind Diversitätsmerkmale wie das Alter, wie Migrationsgeschichte. Da sind Sachen Menschen mit Beeinträchtigungen, entsprechend ihren Fähigkeiten und auch sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität.

Also das ist mir ganz wichtig, das am Anfang gleich nochmal sehr deutlich zu machen, wenn wir über Diversity in Pflegeeinrichtungen oder im Gesundheitswesen sprechen, dass es da ein sehr breites Spektrum an Aspekten gibt und Merkmalen, die man zu berücksichtigen hat.

Julia Nogli

Ja, das ist total wichtig, das ein bisschen größer zu fassen. Ja, was bedeutet das im Einzelnen? Vielleicht können Sie da mal Beispiele nennen, wo man da besonderen Fokus haben sollte?

Ralf Schäfer

Der Fokus knüpft vielleicht nochmal an die erste Frage ein bisschen an zum Thema geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung. Das hatten wir jetzt schon in unserer einen Einrichtung in Schöneberg seit 2011 durch spezielle Schulungsmaßnahmen zum Thema Queerness und Alter zur Sensibilisierung der Mitarbeitenden. Und ein bisschen mehr Fahrt hat es dann aufgenommen in 2018, als wir dann bundesweit als erste Pflegeeinrichtung das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt erhalten hatten.

Was bedeutet Diversity bei uns? Wir versuchen prinzipiell natürlich allen Vielfaltsaspekten Rechnung zu tragen und da gibt es verschiedene Ebenen, die wir da betrachten müssen. Es ist einmal die Ebene der Bewohnenden, dass wir da uns bemühen, die Biografien, die Lebenswelten zu berücksichtigen im Sinne von einem ganzheitlichen Pflegeansatz.

Dann gibt es die Ebene der Mitarbeitenden. Das muss man bei Diversity, wenn man sich damit auseinandersetzt, einfach mit berücksichtigen. Und da kommen die ganz vielen unterschiedlichen Lebensbiografien, Geschichten der Mitarbeitenden zusammen, auch ihre Fähigkeiten, also Merkmale, die ich gerade schon mal aufgezählt hatte.

Das Alter. Wir haben verschiedene Teams, da sind verschiedene Generationen, die zusammenarbeiten. Wir haben Teams mit einem sehr hohen Anteil an Mitarbeitenden, mit einer Migrationsgeschichte.

Das muss man dann ein Stück weit mit berücksichtigen. Wir haben Mitarbeitenden mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Bildungsgrad etc. Das zählt alles darunter unter Diversity, also die Ebene der Mitarbeitenden.

Und dann haben wir noch die Ebene der Einrichtung an sich, wo man da nochmal genauer betrachten muss, wie geht man da vor Ort mit Diversity um? Welche Aspekte werden da berücksichtigt, sei es in der Außendarstellung? Wie ist der interne Sprachgebrauch?

Es gibt ganz viele Elemente, die man da berücksichtigen muss. Auch Transparenz und Sicherheit, das heißt Schutzkonzepte für Bewohnende, aber auch für Mitarbeitende. Also in beide Richtungen denken, was brauchst du da, um Diskriminierung vorzubeugen?

Wenn Diskriminierung stattfindet, wie gehen wir damit um? Da müssen wir drüber sprechen. Man braucht so eine Leitlinie, Leitplanken einfach links und rechts, um zu wissen, wie gehen wir damit um?

Also wenn ich es kurz zusammenfassen darf, Diversity bedeutet, auf individuelle Bedürfnisse eingehen, bedeutet Diskriminierung vermeiden, wenn sie stattfindet, abstellen, Ursachenforschung betreiben und aktiv dann Maßnahmen ergreifen, damit Diskriminierung nicht nochmal stattfindet. Bessere Teamarbeit durch besseres Verständnis untereinander, durch andere Blickwinkel. Jeder bringt mit seiner Lebensgeschichte eine Sichtweise mit.

Und wenn wir da sehr offen und vertrauensvoll miteinander im Dialog sind und aufeinander eingehen, Perspektivwechsel vornehmen, fördert das auch die Teamarbeit. Und gerade unter dem Aspekt der Fachkräftemangel oder überhaupt Personalschwierigkeiten auch im Gesundheitswesen, ist es natürlich eminent auch für eine Zukunftssicherung der Pflege. Also wenn wir uns diversitätssensibel aufstellen, uns mit Diversity beschäftigen, sind wir auch einfach attraktiver, wir sind inklusive und interessanter für Menschen, die vielleicht einen neuen Arbeitgeber, Arbeitgeberin suchen.

Julia Nogli

Und die Mitarbeitenden fühlen sich wohl bei Ihnen? Ist der Eindruck so?

Ralf Schäfer

Ja.

Julia Nogli

Das ist gut.

Ralf Schäfer

Wir haben schon positive Seiteffekte, dadurch, dass wir uns mit dem Thema auseinandersetzen. Und im Standort Schöneberg jetzt im Moment sehr intensiv mit sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität. Aber das macht ja deutlich, dass wir auch diese zwei, wenn wir zwei Einzelaspekte in den Blick nehmen, dass wir alles im Blick haben.

Und wir stellen da fest, dass eben auch die Fluktuation der Mitarbeiterbindung höher ist. Mitarbeitende oder neue, künftige Mitarbeitende berufen sich sehr oft auf das Qualitätssiegel. Das macht nochmal deutlich, dass Menschen, die heute einen neuen Arbeitgeber, Arbeitgeberin suchen, sich vorher kundig machen, auch im Internet.

Und dann auch da eine sehr spezielle oder detailliertere Auswahl treffen, wo sie denn gerne hingehen möchten. Und wenn wir da auch nach außen hin deutlich machen, dass wir eine offene Kultur pflegen, ist das auch in dem Aspekt der Zukunftssicherung der Pflege sicherlich zu berücksichtigen.

Julia Nogli

Ja, nochmal doch mal verengt auf das Thema Homosexualität. Auch homosexuelle Männer und Frauen werden natürlich alt, so wie unsere Bevölkerung allgemein ja sehr altert und werden vielleicht pflegebedürftig. Ich habe mal gehört, sie fühlen sich dann oft nicht so wohl in sozusagen herkömmlichen Pflegeeinrichtungen.

Was ist da so anders oder so, dass sie sich da nicht so richtig offen und frei fühlen können?

Ralf Schäfer

Das sind auch unterschiedliche Aspekte, die man da berücksichtigen muss oder die da zum Tragen kommen. Wir beobachten ja augenblicklich so zwei Hauptgenerationen, die in ein Alter jetzt hat kommen, wo sie auf Hilfe fremder Menschen angewiesen sind. Und das ist eine Generation, die die Zeiten erlebt hat, als Homosexualität noch unter Strafbestand geächtet war und die sich dann auch in ihrem Leben nie frei geäußert haben oder nie offen gelebt haben.

Und die haben natürlich Ängste, in Einrichtungen dann wieder mit Diskriminierung, Ausgrenzung konfrontiert zu werden. Also so eine Retraumatisierung, die Ängste davor. Und dann haben wir eine Generation, die die Emanzipationsbewegung so in den 70er, 80ern sehr aktiv auch miterlebt hat, die natürlich mit ganz anderen Bedürfnissen oder Erwartungen auch an eine Pflegeeinrichtung rangehen, weil die möchten sich dann auch nicht mehr verstecken.

Die haben ihr Leben lang dafür gekämpft, haben dann aber vielleicht auch nicht mehr die Strategien und die Resilienz, mit Konflikten dann nochmal umzugehen. Also dann, wenn man ein Leben lang für was gekämpft hat und im Alter möchte man es dann auch irgendwann mal sein lassen, mit dem ständig kämpfen. Und die Menschen, also gerade jetzt die zwei Gruppen im Speziellen, sind natürlich häufig konfrontiert mit so einer gewissen Heteronormativität, Cisnormativität in Pflegeeinrichtungen.

Also das heißt, dass Mitarbeiter oder die Einrichtung immer nur davon ausgeht, es gibt männlich, weiblich und dass jeder Mann sich auch als Mann fühlt und jede Frau sich als Frau fühlt. Das sind so Voraussetzungen, die immer noch leider häufig in Einrichtungen sind. Dann richten sich natürlich entsprechend dann auch die Angebote und die Einrichtungen auch nur an diesen Heteronormativität, Cisnormativität aus.

Also sprich auch mit den Beschäftigungsangeboten, Freizeitangebote sind dann sehr auf diese Gruppe fokussiert. Aber so links und rechts oder das ganze Spektrum an Vielfalt wird da seltener berücksichtigt. Und dann kommen wir an Menschen häufig mit einer Unkenntnis konfrontiert.

Das merke ich auch in meinen Schulungen, die ich in den Einrichtungen oft durchführe. So zu den Lebensgeschichten, Biografien. Ich mache da so eine Übung, da geht es so ein Zeitstrahl von den Zwanzigern bis heute.

Was hat die queere Community alles erlebt? Welche Repressalien auch von staatlicher Seite? Das geht ja über Pathologisierung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Kriminalisierung.

Also Paragraf 175 ist aus Anfang der 90er abgeschafft worden. Homosexualität wurde Anfang der 90er auch nicht mehr als psychische Erkrankung gewertet. Transidentität erst, glaube ich, letztes Jahr oder 2022 aus der Liste rausgenommen als psychische Erkrankung.

Also da sieht man, wie lange da Verletzungen, Ungleichbehandlung stattgefunden hat. Und last but not least, Sexualität im vollstationären Pflegekontext ist immer noch sehr oft überhaupt ein Tabuthema.

Julia Nogli

Das glaube ich.

Ralf Schäfer

Schon gar nicht im Speziellen. Da geht es überhaupt, ist es schwierig oder tun sich viele Einrichtungen schwer, damit einen offenen Umgang zu haben. Obwohl WHO Sexualität als ein Bedürfnis bis zum Lebensende deklariert hat, als sexuelle Gesundheit.

Ja, da ist noch ein bisschen Luft nach oben.

Julia Nogli

Genau, aber da gibt es viel Aufklärung von Ihnen. Das ist gut so. Ich könnte mir auch vorstellen, aber ich will jetzt auch nicht Klischees selber aufbauen, dass es keine so familiäre Einbindung oft gibt, weil man ja vielleicht eben nicht Kinder hat, Enkelkinder und so weiter, sondern eher ein Freundeskreis, der aber vielleicht ja auch weniger wird.

Also spielt das auch eine Rolle, dass homosexuelle Männer zum Beispiel ein anderes Lebensumfeld haben?

Ralf Schäfer

Ja, ja. Also die Kinderlosigkeit ist ein großes Thema. Altersarmut ist ein großes Thema, gerade bei lesbischen Frauen mit Erwerbslücken, aber auch bei homosexuellen Männern.

Also war ja in den 50ern, 60ern, wenn bekannt wurde, dass man homosexuell ist, ging das häufig auch einher mit dem Arbeitsplatzverlust, soziales Dropout etc. Das sind alles dann so Erwerbseinbrüche, die in den Biografien stattgefunden haben und das muss da berücksichtigt werden auf alle Fälle. Und ein schöner Hinweis von Ihnen, da gibt es dann die Begrifflichkeit der Wahlfamilie.

Also das wird in der Community eben häufig verwendet, das sind dann solche sozialen Netzwerke, die homosexuelle Menschen im Laufe ihres Lebens aufgebaut haben und das ist dann so der Familienersatz und das war in den 80ern in der Aidskrise auch schon so, aber da war sehr deutlich, dass eben Wahlfamilien, diese sozialen, selbstgeschafften Netzwerke zu wenig berücksichtigt wurden und da ist es so, dass es heute eher berücksichtigt wird und wir beraten dann auch betroffene Personen häufig dahingehend, wenn sie Wahlfamilien haben oder besondere Personen des Vertrauens, wenn sie ausschließen, dass Angehörige ersten Grades irgendwie in die Pflege involviert werden sollen, dass sie das dann auch in Form von einer Betreuungsvollmacht verfolgen sollen.

Julia Nogli

Ach, das kann man machen, dass es eben doch der gute Freund wird und nicht der Cousin oder Bruder oder so, mit dem man vielleicht gar keinen Kontakt mehr hat. Ja, ja.

Ralf Schäfer

Wichtig ist es aber, wie gesagt, da beraten wir darauf hin, dass sie das dann auch schriftlich festhalten in einer Betreuungsvollmacht oder einer Patientenverfügung, kann man das auch noch regeln. Das sind so Punkte, die sprechen wir dann auch offen an.

Julia Nogli

Wie sind denn die Erfahrungen der letzten Jahre? Sie sind ja da schon sehr lange eben auch mit der Einrichtung in Schöneberg vor allen Dingen und auch mit anderen Einrichtungen dahingehend unterwegs. Haben Sie da noch nachjustiert, Sachen verbessert?

Also ja, wie sind die Erfahrungen damit, Diversity, Vielfalt so mit reinzubringen in die Pflege?

Ralf Schäfer

Wir haben am Standort Schöneberg als zertifizierte Einrichtung eigentlich nur gute Erfahrungen bis jetzt da gemacht und Mitarbeiter, die wissen, dass gerade im zweiten Rezertifizierungsprozess sind, weiterhin sehr motiviert, engagiert dabei, auch bei den Schulungen, die wir da jetzt im Zuge der Rezertifizierung nochmal durchführen. Da ist ein großes Engagement und wir entwickeln uns natürlich weiter. Also so ein Qualitätssiegel oder wenn sie sich entscheiden, diversitätssensibel sich auszurichten, auch in der Organisationsentwicklung, ist das ja nie abgeschlossen.

Das ist ein stetiger Prozess. Auch wir haben eine gewisse Mitarbeitendenfluktuation, geringer als in anderen Einrichtungen. Aber auch da gehen Mitarbeiter in Rente oder treffen dann doch eine andere Lebensentscheidung, dass sie sich vielleicht auch einen anderen Lebensmittelpunkt aussuchen oder tatsächlich auch mal mit uns nicht zufrieden sind als ArbeitgeberInnen.

Das ist legitim. Also auch eine gewisse Fluktuation haben wir da auch. Man muss ja auch ständig mit Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen am Ball bleiben.

Und auch in der Organisationsentwicklung, es gibt immer wieder Punkte, wo wir denken, da müssen wir mal überlegen, was wir da noch erweitern können. Wir sind jetzt in der Rezertifizierung, hatte ich gerade gesagt.

Julia Nogli

Wer vergibt denn dieses Siegel?

Ralf Schäfer

Das Siegel wird über die Schwulenberatung Berlin vergeben. Und das Qualitätssiegel hat sich im Vergleich zur Erstzertifizierung 2018 um die postmigrantische Vielfalt erweitert. Das heißt, wir sind jetzt dabei, nochmal alle unsere Konzepte und Leitlinien, Verfahrensanweisungen, die wir entwickelt haben, nochmal dahingehend zu prüfen, ob die postmigrantische Perspektive ausreichend berücksichtigt ist.

Dann haben wir uns entschlossen, für die Einrichtung auch eine Transitionsleitlinie zu erstellen, ein sehr umfangreiches, ausführliches Handlungsanleitungskonzept, wie wir mit Mitarbeitenden umgehen, die eine Geschlechtsangleichung bei uns während dem Arbeitsverhältnis durchlaufen möchten. Das sind so Aspekte, also Sie sehen, kommen immer wieder neue Themen dazu. Man muss manche Aspekte evaluieren, vielleicht anpassen an aktuelle Begebenheiten.

Und ein stetiger Prozess, ein ständiger Fluss.

Julia Nogli

Die Nachfrage wird ja hoch sein, vermute ich mal, weil es klingt ja alles gut, es wird sich ja rumsprechen.

Ralf Schäfer

Die Nachfrage steigert sich, verständlich.

Julia Nogli

Also für Bewohnerinnen meine ich jetzt.

Ralf Schäfer

Prinzipiell ist die Nachfrage nach vollstationären Pflegeplätzen groß. Durch die Preisentwicklungen etc. liest man ja häufig, dass viele Einrichtungen nicht mehr voll belegen oder es gibt dann auch Einrichtungen, die schließen.

Also es gibt einen hohen Bedarf.

Julia Nogli

Ich meine jetzt mit dem speziellen Konzept bei Ihnen.

Ralf Schäfer

Ja, es gibt einen hohen Bedarf und für spezialisierte oder sensibilisierte Einrichtungen, nicht spezialisiert, das ist so eine Extrawurst, sensibilisierte Einrichtungen, steigt der Bedarf auch langsam. Es ist noch zu spüren, dass gerade aus der Community heraus der Grundsatz zu Hause, also im häuslichen Umfeld gepflegt zu werden, immer noch sehr greift, weil es doch noch bessere Unterstützungssysteme gibt. Aber das verändert sich langsam, weil gerade mit den Wahlfamilien, die altern natürlich mit mir selber.

Also wenn ich jetzt mein soziales Umfeld anschaue, mein Netzwerk, das altert ja mit mir. Und wenn ich dann in die Situation komme, dass ich Hilfe brauche, sind die natürlich auch in einem Alter, wo sie vielleicht selber schon auf Hilfe angewiesen sind. Also da steigt der Bedarf auch hin.

Wir spüren das auch an den Anfragen. Und ganz speziell sind viele Nachfragen für betreutes Wohnen oder Servicewohnen. Da haben wir auch im Standort in Schöneberg Wohnungen, da ist es ganz exorbitant hoch geworden, die Anfragen.

Julia Nogli

Ist ja aber sicher nicht die einzige Einrichtung in Berlin. Also ich meine jetzt auch von anderen Anbietern, also kommt das langsam so nach vorne allgemein?

Ralf Schäfer

Für Berlin, muss ich sagen, sind wir immer noch die einzigste vollstationäre Pflegeeinrichtung, die sich hat zertifizieren lassen. Ich möchte jetzt nicht absprechen, dass es Einrichtungen gibt, die prinzipiell sensibel sind. Aber so nachweislich über eine Zertifizierung haben wir da immer noch das Alleinstellungsmerkmal.

Julia Nogli

Es gibt also sogar ein Zertifikat für Diversity in der Pflege oder für die Sensibilität gegenüber der Vielfalt, die unsere Gesellschaft nun mal ausmacht. Mehr Infos zum Thema hier auf paradiso.de in der Mediathek unter natürlichgesund.

Ausgezeichnet, zertifiziert und vernetzt

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