
Lebensort Vielfalt aus Perspektive des Diversitätsbeauftragten
Ralf Schäfer begleitet den Lebensort Vielfalt seit den Anfängen. Heute schult er Mitarbeitende darin, unterschiedliche Lebenswelten wahrzunehmen, Vorurteile zu reflektieren und Vielfalt im Pflegealltag bewusst zu leben.
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LOVE-Storys aus dem Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg
LOVE heißt bei uns Lebensort Vielfalt erleben: Die Vielfalt zeichnet sich in unserer Einrichtung neben einer queersensiblen Pflege auch durch eine (post-)migrationssensible Dimension aus. Lernen Sie unsere Einrichtung und die Menschen in unseren LOVE-Storys kennen.
Ein Interview mit Diversitätsbeauftragten Ralf Schäfer
Ralf Schäfer ist Beauftragter für Diversität und queere Lebensweisen in der Sparte Wohnen und Pflegen der Immanuel Albertinen Diakonie. Zuvor war er Leiter des Immanuel Seniorenzentrums Schöneberg. Heute schult er Mitarbeitende zu diversitätssensibler Pflege. Er hat die drei Zertifizierungsprozesse zum Lebensort Vielfalt von Anfang an begleitet.
Das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg wurde unter Ihrer Leitung zum „Lebensort Vielfalt“ und erhielt das Qualitätssiegel bereits zum dritten Mal. Wie hat sich die Einrichtung in dieser Zeit entwickelt?
Ich finde es ganz wunderbar, dass sich das Siegel verstetigt und zu sehen, dass sich die Konzeptionen und die Haltung in der Mitarbeitendenschaft über die ganzen Jahre hinweg erhalten geblieben ist. Die Mitarbeitenden, die über den gesamten Zeitraum schon hier in der Einrichtung sind, nehmen die neuen Mitarbeitenden an die Hand. Jetzt war es an der Zeit, die Fokussierung auf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu öffnen und auf Menschen mit Migrationsgeschichte auszuweiten. Als marginalisierte Gruppe machen sie sehr häufig ähnliche Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt wie queere Menschen.
Das Thema bleibt wichtig, gerade angesichts der gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Es wird wieder salonfähig, marginalisierte Gruppen verbal und auch körperlich anzugehen, sei es tatsächlich in Gewaltübergriffen, aber auch in Ausgrenzungen.
Vielfalt beginnt mit der Frage: Woher kommen meine Bilder über andere her?
Ralf Schäfer, Diversitätsbeauftragten
Welche Haltung zeigt sich im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg als Lebensort Vielfalt?
Hier zeigt sich eine offene Haltung gegenüber anderen Perspektiven und verschiedenen Glaubensansätzen, eine Akzeptanz unterschiedlichster Lebensrealitäten und Lebenswelten. Bei den Schulungen erlebe ich, dass wir beim Thema Diversität über die sexuelle, geschlechtliche und postmigrantische Vielfalt hinausgehen. Wir greifen auch Diskriminierung aufgrund von körperlichen oder geistlichen Fähigkeiten auf. Wir sprechen über Altersunterschiede in den Teams und soziale Unterschiede.
Ich finde es so toll, dass die Mitarbeitenden hier für alle marginalisierten Gruppen eine Offenheit mitbringen. Sie lassen sich darauf ein, in die Diskussion zu gehen und zu reflektieren: Wo kommen denn meine Bilder her, die ich habe, wenn ich über eine bestimmte Gruppe spreche? Das finde ich ganz grandios hier.
Welche Fortbildungen machen Sie mit den Mitarbeitenden, und was bewirken sie?
Die Fortbildungen sind ein stückweit orientiert an der Trainerausbildung, die ich bei Eine Welt der Vielfalt gemacht habe. Nach einem kleinen theoretischen Impuls geht es in den Fortbildungen um Übungen und Methoden, die die Selbstreflexion anregen. Und die – ganz wichtig – Austausch ermöglichen und den Raum öffnen, damit die unterschiedlichsten Perspektiven miteinander in den Dialog kommen. So können andere Sichtweisen und Meinungen kennengelernt werden, ohne dass man wertet.
Wie sieht das konkret bei den Themen diversitätssensible Pfleg aus? Welche Erkenntnisse gibt es dabei, welcher Austausch passiert?
Gerade, wenn wir über geschlechtliche und sexuelle Identitäten sprechen, stoße ich sehr häufig auf Vorbehalte, Ängste und Unwissenheit. Daher gebe ich kurze theoretische Inputs, um die Begrifflichkeiten zu erklären und auch für Verständnis zu werben – zum Beispiel für unterschiedliche Ebenen in der Geschlechtsidentifikation. Es ist ja nicht nur das körperliche Merkmal, das ein Geschlecht definiert, sondern wir haben noch die Ausdrucksform, die jeder mit sich bringt, das eigene Wissen um die Identität und dann auch Körperlichkeiten.
Das versuche ich in den Workshops durch verschiedene Übungen zu vermitteln und ein Verständnis dafür zu schaffen, damit die Mitarbeitenden das auch nachvollziehen können.
Welche Schulungen machen die Mitarbeitenden zum Thema post-/migrantische Lebenswelten?
Auch dazu gibt es theoretische Inputs, sei es zu Erfahrungen mit Rassismus oder Diskriminierung aufgrund von Nationalität. Dafür gibt es Monitore, die das dokumentieren. Es geht darum, was Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus eigentlich sind.
Es gibt eine schöne Übung, wo die Teilnehmenden unterschiedliche Rollen einnehmen sollen und sich in eine ganz andere Person versetzen müssen – sei es eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern oder eine geflüchtete Person ohne Aufenthaltsstatus in einer Flüchtlingsunterkunft.
Dazu gibt es dann Fragen. Immer, wenn die Person in der Rolle, die sie hat, diese mit Ja beantworten kann, dann darf sie einen Schritt nach vorne gehen. Zum Bespiel: Hat die Person die Möglichkeiten in den Urlaub zu reisen, an Wahlen teilzunehmen oder ohne Schwierigkeiten abends in den Club zu kommen? Nach ein paar Fragen stehen die unterschiedlichen Perspektiven auch unterschiedlich weit vorne. Das ist dann häufig so ein kleiner Aha-Effekt auch für Menschen, die nicht marginalisiert oder von Diskriminierung betroffen sind. Sie erfahren, wie das ist, abgehängt und ausgegrenzt zu sein, keinen Zugang zu Ressourcen zu haben. Das ist eine sehr schöne Übung, die das sehr gut verdeutlicht.