
Diversitätssensible Pflege aus Perspektive der Einrichtungsleitung
Nicole Oerder, Einrichtungsleiterin im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg, spricht im Interview darüber, wie diversitätssensible Pflege im Alltag gelingt, welche Rolle Wahlfamilien spielen und wie Vielfalt das Zusammenleben im Haus bereichert.
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LOVE-Storys aus dem Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg
LOVE heißt bei uns Lebensort Vielfalt erleben: Die Vielfalt zeichnet sich in unserer Einrichtung neben einer queersensiblen Pflege auch durch eine (post-)migrationssensible Dimension aus. Lernen Sie unsere Einrichtung und die Menschen in unseren LOVE-Storys kennen.
Ein Interview mit Einrichtungsleiterin Nicole Oerder
Nicole Oerder ist Einrichtungsleiterin im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg. Im Interview erzählt sie, welche Rahmenbedingungen der Lebensort Vielfalt schafft, um unterschiedliche Lebenswelten in der Pflege zu berücksichtigen.
Wie nehmen Sie Menschen in der Einrichtung auf? Welche Rolle spielt dabei Vielfalt?
Wir gehen erst mal nicht davon aus, dass wir wissen, mit wem wir es zu tun haben und mit welchen Problemen und Bedürfnissen der Mensch zu uns kommt. Wir hören ganz genau zu und holen die Personen da ab, wo sie sich uns anvertrauen. Wenn uns jemand über die Zugehörigkeit zu einer Community in Kenntnis setzen will, dann nehmen wir das gerne als Information an, aber das muss auch nicht sein.
Es geht darum, dass sich alle Menschen, die in dieses Haus kommen, egal ob Bewohnende oder Mitarbeitende, einfach wohlfühlen können in ihrer Haut. Jede Person kommt mit allem, was sie so hat, aber sie muss nicht alles offenbaren, was sie mitbringt.
Ganz wichtig: Wir bewerten die Menschen nicht. Sie dürfen so sein, wie sie sind.
Wir hören ganz genau zu und holen die Menschen da ab, wo sie sich uns anvertrauen.
Nicole Oerder, Einrichtungsleiterin
Wie zeigt sich kulturelle Vielfalt in der diversitätssensiblen Pflege? Worauf achten Sie zum Beispiel?
In vielen Kulturen ist das Miteinander in der Familie anders strukturiert und wird ganz anders nach außen gezeigt, als wir das hier in unseren deutsch sozialisierten Gefilden gewöhnt sind. Um darauf gut eingehen zu können, haben wir Schulungen durchlaufen und Wissen angesammelt. Wenn es zum Beispiel das Bedürfnis gibt, dass sich die Familie selbst an Pflegesituationen beteiligt, treten wir als professionelle Pflegende sehr gerne auch zurück. Wir stehen dann beratend zur Seite, gehen zur Hand, aber lassen die Bedürfnisse desjenigen, der hier bei uns lebt, auch gerne durch die Familie erfüllen.
Wie gehen Sie auf kulturelle Unterschiede in der letzten Lebensphase, in der Sterbebegleitung und im Trauerprozess ein?
Wir haben hier eine ausgebildete Dame bei uns, die macht die Gesundheitsplanung in der letzten Lebensphase. Sie plant auch die Vorsorge zusammen mit den Bewohnenden und den Angehörigen.
Und schon da kann man bestimmte religiöse, kulturelle Aspekte äußern, die einem am Herzen liegen. Zum Beispiel, dass wenn es absehbar ist, dass derjenige sich verabschieden wird, dann kann auch sehr gern die ganze Familie mit vielen Menschen dabei sein. Es geht immer darum, dass der Mensch, der hier bei uns wohnt, dass der nach seinen Bedürfnissen seine Schritte geht, nicht nur wenn er gepflegt wird, sondern auch beim Abschiednehmen.
Gerade wenn jemand im Sterbeprozess ist, dann ist manchmal die ganze Familie da und die Nachbarn kommen und die Kinder laufen rum. Sie können auch gerne Essen mitbringen und gemeinsam speisen. Alles, was demjenigen guttut. Gleichzeitig bitten wir um Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der anderen Bewohnenden. Das ist im Einzelzimmer natürlich einfacher als im Doppelzimmer.
Welche Rolle spielen Wahlfamilien? Die sind bei queeren Menschen häufig besonders wichtig, wenn es Brüche mit der Herkunftsfamilie gab oder eigene Kinder fehlen.
Bei uns heißt es zum Beispiel nicht, kommt Ihre Familie, sondern kommen Ihre Angehörigen. Die Angehörigen, die Zugehörigen, die sucht man sich ja selber aus. Wir werden auch nie davon ausgehen, dass wenn jemand eine Person des Vertrauens zu Rate zieht, dass das ausgerechnet immer ein Familienangehöriger sein muss. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn das dann auch gern der Nachbar ist oder der Lebensgefährte oder wer auch immer ist.
Wir haben ja auch schon viele Ex-Partner oder Ex-Eheleute aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen, die dann sich absolut genial umeinander kümmern. Ich denke, es ist auch vollkommen egal, in welchem Verhältnis man zueinandersteht. Es muss gesichert sein, dass die Person nur Gutes im Schilde führt und dem anderen einfach nur Liebe entgegenbringt.
Und dann ist es vollkommen egal, in welcher gesellschaftlichen Beziehung sie zusammenstehen.
Wie verändern die vielfältigen Perspektiven und Lebenswelten das Miteinander im Haus?
Wenn jeder so sein kann, wie er ist, gilt das ja nicht nur für unsere Bewohnenden, sondern auch für unsere Mitarbeitenden. Also ist das total befruchtend, auch gerade für die Bewohnenden, wenn aus der Mitarbeiterschaft viele verschiedene Kulturen bei uns tätig sind. Da lernen auch die Bewohnenden unfassbar viel dazu. Alleine der Kontakt zwischen deutsch sozialisierten älteren Herrschaften, die sonst nie wirklich einen Bezug zu einer migrantischen oder zur queeren Community hatten, und ganz unterschiedlichen Mitarbeitenden ist total befruchtend für die Bewohnenden.
Toleranz [...] darf nicht nur ein Ideal bleiben, sondern muss täglich gelebt werden.
Nicole Oerder, Einrichtungsleiterin
Was bedeutet Ihnen das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt?
Das Siegel ist ein starkes Zeichen an unseren Kiez, unsere Stadt und die ganze Republik: Toleranz ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft und darf nicht nur ein Ideal bleiben, sondern muss täglich gelebt werden. Vielfalt ist mehr als ein Schlagwort. Sie ist eine Bereicherung – sowohl in der Arbeitswelt als auch in unserem täglichen Leben. Sie bedeutet, dass wir unterschiedliche Perspektiven schätzen und dass wir uns für eine inklusive Zukunft stark machen. Die Auszeichnung ist nicht das Ende unserer Reise, sondern ein Meilenstein. Sie motiviert uns, weiterhin mit aller Kraft für eine bunte, gerechte und respektvolle Gesellschaft einzutreten – sowohl in unserem eigenen Umfeld als auch über die Grenzen dieses Hauses hinaus. Wir wollen die Werte der Toleranz und des Respekts hochhalten und damit ein Beispiel für andere sein.