98 Jahre Berlin

Mit der zarten Frieda sitzen in dem großen Sessel 98 Jahre Berlin. Sie hat die Inflation erlebt, die Nächte durchtanzt, sie hat den Nationalsozialismus kommen und gehen sehen, in den Bombennächten Figuren aus Fensterkitt geknetet. Später genoss sie „Samt und Seide“ des Kurfürstendamms und bereiste viele Länder. Zeit für einen Rückblick.

Zart und klein wie ein Kind sitzt Frieda in einem großen Sessel, gestützt von vielen Kissen. Ein langer Weg liegt hinter ihr: Achtundneunzig Jahre Berlin. Ihre Erscheinung ist ihr heute noch ebenso wichtig wie vor achtzig Jahren, akkurat geföhnt und geschnitten sind ihre Haare. Tanzen, glänzen, Spaß haben – das war der Ausgleich zur wirtschaftlichen Not ihrer Kindheits- und Jugendjahre.

Frieda war das einzige Kind eines Arbeiter-Ehepaares in Berlin-Friedrichshain, das, wie so viele andere, Opfer der Wirtschaftskrise wurde. Vier Mark die Woche Arbeitslosenunterstützung habe der Vater bekommen, erinnert sich Frieda. Das bedeutete: Fleisch gab es nur am Sonntag, 1/8 Stückchen argentinisches Corned Beef für die ganze Familie.

„Trotzdem war das Amüsemang groß und die Gemütlichkeit hochprozentig!“

Das hieß auch, dass die Mutter tagsüber putzen ging und nachts auf die Rieselfelder zog, um mit anderen Frauen nach übrig gebliebenen Kartoffeln zu buddeln und Kohl zu stibitzen. „Aber“, sagt Frieda, und hebt ihren Finger in die Luft, „trotzdem war das Amüsemang groß und die Gemütlichkeit hochprozentig!“ Ihre Eltern und Großeltern waren Mitglieder in den vielfältigsten Vereinen. Mal war es der Sparverein, der einen Ball ausrichtete, mal der Segelclub, mal der Radfahr-Verein. Frieda war immer mit dabei, „und zwar feste!“

Als sie mit 14 Jahren eine Schneiderlehre antrat, wurde sie allein von der Lust getrieben, sich selbst schön zu kleiden. „Da konnte man sich schneller mal `n Meter Stoff kaufen, um sich `ne Bluse zu nähen oder `n Rock!“ Spaß machten das Sticheln und Heften und Schneiden ihr nicht, und auch die drei Mark Wochenlohn motivierten sie höchstens in einer Hinsicht: „Fett werden konnte ich dabei nicht!“

Weinende Kinder liefen den Autos hinterher

Nicht in der Herstellung, sondern in der Vorführung der Textilien lag der Spaß. Die zahlreichen Tanzcafés lockten, Friedas Ehrgeiz bestand darin, nie zweimal dasselbe zu besuchen. In einer dieser Nächte auf der Friedrichstraße tanzte sie mit einem ebenso gut aussehenden, ebenso modisch gekleideten Mann, der zehn Jahre älter war als sie. Wenig später trug sie einen Ehering, geändert habe sich ihr Leben dadurch kaum, sagt Frieda. Der bevorzugte Raum dieser Ehe blieben Tanzsäle Berlins.

Rückblickend erscheinen diese Jahre ihr wie ein Luftholen, ein letztes Lachen, bevor „das Chaos einen Herrn Hitler hervorbrachte“. Frieda erinnert sich an die Geräusche nächtlicher Schlägereien, an das Gefühl, der Brutalität vorbeimarschierender Braunhemden jederzeit zum Opfer fallen zu können. Nie band sie ihre Schuhe konzentrierter, nie schaute sie so überwach in die Schaufensterauslagen wie in jenen Tagen, an denen sie ihren rechten Arm nicht zum Hitlergruß heben mochte.

Sie erinnert sich an die eingeschlagenen Schaufenster jüdischer Geschäfte und an kleine Kinder in der Morgendämmerung, die weinend den Autos hinterherrannten, in denen ihre Väter abtransportiert wurden. Vor allem aber erinnert sich Frieda an ihre eigene Mutlosigkeit.

Sie und ihr Mann hatten viele jüdische Bekannte und Freunde, nicht ungewöhnlich für Menschen, die zu Hause waren in der Welt der Konfektion. „Und plötzlich hat man sich nicht mehr getraut, sich mit ihnen auf der Straße zu zeigen, das war das Schlimme. Man hat seinen besten Freunden nicht mehr trauen können, manche waren wie umgewandelt.“

Im Luftschutzkeller knetete sie Männchen aus Fensterkitt

Einmal wurde sie angezeigt, weil sie öffentlich gemutmaßt hatte, dass auch wieder andere Zeiten kommen würden, Zeiten ohne Nazis. Einer ihrer Zuhörer fand, dass ihre Stimme zu heiter klang bei diesem Ausblick. Wer sie anzeigte, weiß sie bis heute nicht. Nur, dass einflussreiche Freunde sie vor einem Verhör bewahrten, während die Juden immer schutzloser wurden. Frieda sah die leeren Wohnungen im Haus, und sie erblickte Göring, der auf dem Nachbargelände des Segelclubs eine Yacht inspizierte, die der Automobil-Club ihm zu seiner Hochzeit schenken wollte.

Den Krieg durchlebte sie an der Seite ihres Mannes. Er arbeitete im Büro einer Firma, die Verpackungen für die Feldpost produzierte und musste nicht an die Front. In zahlreichen Bombennächten kauerte Frieda im Keller ihres Hauses, knetete zur Unterhaltung der Nachbarkinder Männchen aus Fensterkitt und dachte darüber nach, dass sie selbst es nicht wagen wollte, schwanger zu werden in dieser Zeit.

Mit dem Krieg endete auch ihre Ehe. Jung, gesund und männlich war ihr Mann zu einem seltenen, begehrten Exemplar geworden. Ein paar Mal hatte sie seine Entschuldigungen angenommen, die Affäre mit ihrer Nachbarin und Freundin verzieh sie ihm nicht. „Da hab ich gesagt, soweit geht bei mir die Freundschaft nicht“. Sie blieb dabei, auch wenn er sich reuig zeigte und ihr „laufend auf die Pelle rückte“. Frieda zog aus und begann ihr neues, ihr zweites Leben.

„Keine Sprache außer deutsch und berlinisch!“

Sie wurde Verkäuferin in der Süßwaren-Abteilung im KaDeWe. Dort beobachtete man ihre flinke, muntere Art, ihre gefällige Erscheinung, und schlug ihr bald vor, „Propagandistin“ zu werden. Das hieß, beispielsweise silberne Teller voller Konfekt zu balancieren, „und denn haste so lange geplappert, bis die Kunden `n Kasten von dem Konfekt abgekauft haben.“ Sie verdiente gut, wusste das Leben zu genießen, „damals war der Westen ja noch wie Samt und Seide.“

Nicht lange, und sie verliebte sich in den Dekorateur des Kaufhauses, wenn es auch „nicht mehr so himmelhochjauchzend“ war wie bei der ersten Liebe. In der Freizeit gingen sie ins Kino, ins Theater, zu Reitturnieren und zu Radrennen. Für Kinder war es zu spät, ein Wermutstropfen in ihrem Leben.

1973 starb ihr Partner. Für Frieda begann die Zeit des Reisens, quer durch Europa. Ihre Freunde bewunderten sie dafür. „Mutterseelenallein und nich´ eine einzje Sprache außer deutsch und berlinisch!“ Wirklich allein aber blieb sie nie. Manchmal wurde sie in fremde Familienclans aufgenommen, und am Ende der gemeinsamen Touren wussten sie oft nicht, wer sich zu bedanken hatte: Die neuen Bekannten für Friedas Unterhaltung oder Frieda für die Gesellschaft.

„Und dafür ist das Geld draufgegangen“, sagt sie nun, die zierliche Frau in dem großen Sessel des Pflegeheims, in das sie erst vor wenigen Wochen nach einer Operation überwiesen wurde. „Aber zum Tausch hat man Erinnerungen, die einem niemand nehmen kann.“ Von diesen Erinnerungen zehrt sie nun, wiederholt im Geist sämtliche Reisen und die Stationen ihres Lebens. „Nur nach St. Petersburg, da wär ich gerne noch hingefahren“, sagt sie zum Abschied.

aufgezeichnet von Anne Jelena Schulte im Seniorenzentrum Schöneberg
 
 
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