Zu löschen gab es immer was

Werner arbeitete als Feuerwehrmann und hätte gerne Karriere gemacht. Doch das war nicht drin. Bei Kriegsende hatten ihn die Amerikaner gefangen genommen, das galt als Makel in der DDR.

Die Feuerwehr faszinierte ihn schon, da war er noch ein kleiner Junge im thüringischen Eisenberg. Die großen Löschautos mit den langen Schläuchen, die Männer, die blitzschnell bereit standen und hinaussausten. Sowas wollte er später auch machen. Werner blättert im Fotoalbum und zeigt auf einen gut aussehenden, jungen Mann mit feinen Gesichtszügen. Zusammen mit anderen Feuerwehrmännern sitzt er vor einem Löschwagen. Muss Anfang der 50er gewesen sein. Werner war Mitte 20 und arbeitete bei der Berufsfeuerwehr. Er fing in der Früh an und musste oft auch abends nochmal raus.

Manchmal hatte er morgens nur ein Stück Brot gegessen. Gab ja nichts. Das war ganz schön hart. Er mochte die Arbeit trotzdem. Später war er für die Ausbildung der Feuerwehrmänner zuständig. Doch mehr Karriere war nicht drin. Werner war zu Kriegsende den Amerikanern in die Hände gefallen. Das war Zufall gewesen - und galt doch in der DDR als Makel. Mit diesem Makel war es schwer aufzusteigen, erst recht bei der Berufsfeuerwehr. „Immer pfuschte was dazwischen“, sagt Werner und zuckt mit den Schultern. Selten lief mal was glatt in seinem Leben.

Er kam unehelich zur Welt. Die Mutter musste Spießrutenlaufen

Seine Mutter kam aus bescheidenen Verhältnissen und brachte ihn 1926 unehelich zur Welt. Sein Vater stammte wohl aus besserer Familie, die Verbindung galt als nicht standesgemäß. Mehr weiß Werner nicht, die Mutter hat nichts erzählt, er hat nicht gefragt. Nur dass es die Mutter schwer hatte und „Spießrutenlaufen“ musste. Daran kann er sich erinnern. Er wuchs bei den Großeltern auf. Die gaben sich Mühe mit ihm und versuchten, die Eltern zu ersetzen. Doch auch sie hatten nicht viel vom Leben gehabt außer Arbeit. Die Mutter heiratete einen anderen Mann und bekam noch zwei Töchter. Die Mädchen lachen viel auf den Bildern, doch der strenge, verhärmte Blick der Mutter blieb.

Eine Grube in der Erde, Decke drüber. Das war für Monate sein Zuhause.

Werner lernte Werkzeugmacher. 1943 bekam er sein Gesellendiplom. Diesmal pfuschte der Krieg dazwischen. Arbeitsdienst in Hamburg, dann ab nach Frankreich an die Front. Hätte schlimmer kommen können, Russland und so. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 ging es nur noch darum, sich zu verstecken. In Bad Kreuznach nahmen ihn die Amerikaner gefangen. Die Gefangenen buddelten sich Gruben in die Erde und legten eine Decke drüber. Das war für Monate ihr Zuhause. Für 72 Mann gab es ein Weißbrot, manchmal konnten sie sich nicht mehr auf den Beinen halten vor Schwäche. Manche sind in die Fäkaliengruben gesprungen, weil sie verrückt wurden. Wie er das ausgehalten hat? „Man stumpft ab“, sagt Werner.

Ein Transport sollte die Gefangenen, die aus Ostdeutschland kamen, zurück in den Osten bringen. Der Transport machte Station in Aschaffenburg. Dort liehen ihn die Amerikaner zum Arbeiten an einen Bauer aus. Das war sein Glück. Denn der gab ihm mehr zu essen. 1947 kehrte Werner nach Eisenberg zurück. Er schlug sich durch, half beim Bau von Baracken, arbeitete im Schamottwerk und bei der Feuerwehr und fuhr Lkw. Allmählich nahm das Leben Fahrt auf. Er verliebte sich in eine Frau, so alt wie er. Sie verstand vieles an ihm, auch sie war ohne Vater aufgewachsen, auch sie in armen Verhältnissen. 1951 kam die erste Tochter zur Welt, 1960 die zweite. Er kümmerte sich gerne um die Kinder und war ein liebevoller, wenn auch strenger Vater.

Er konnte aufbrausend sein und autoritär. Das ging nicht lange gut.

Die Familie lebte jetzt in Berlin und leitete ein Freizeitheim am Müggelsee. Das Heim lief gut, der See, die langen Sommer, die Kinder - es war eine schöne Zeit. Doch dann gab es Schwierigkeiten mit den Angestellten. Werner konnte aufbrausend sein als Chef, autoritär. So hatte er es gelernt von seinen Vorgesetzten beim Militär, bei der Feuerwehr, im Schamottwerk.

Doch das half nicht immer weiter. Seine Frau versuchte zu vermitteln und fand sich oft zwischen allen Stühlen vor. Er forderte Loyalität von ihr. Das ging nicht lange gut. 1984 ließen sie sich scheiden. Da hatte er schon eine andere Frau kennen gelernt. Mit ihr wurde er noch einmal glücklich. Doch dann pfuschte das Leben wieder dazwischen.

1999 stand seine jüngere Tochter - sie war 39 Jahre alt - eines Morgens auf, ging ins Bad und brach zusammen. Sie hatte in den Tagen zuvor über Rückenschmerzen geklagt, doch niemand ahnte, wie krank sie war. Kurze Zeit nach dem Sturz fiel sie ins Koma und wachte nie mehr auf. Sieben Jahre lang saß Werner Woche für Woche an ihrem Bett, hielt ihre Hand und strich über ihre Stirn. Ob sie sich darüber freute, ob sie überhaupt etwas mitbekommen hat, weiß er nicht. „Es muss schrecklich sein, miterleben zu müssen, wie die eigene Tochter krank wird und selbst so hilflos zu sein“, hat ihm Carola, die ältere Tochter, in ein Fotoalbum zum 80. Geburtstag geschrieben.

Die Familie hält zusammen – trotz aller Brüche und mancher Verletzung

Früher hat sich Carola viel mit dem Vater gestritten, oft übers Politische, oft über das Leben in der DDR, das Vater und Tochter unterschiedlich wahrnahmen, aus unterschiedlichen Prägungen heraus. Aber das ist lange her und längst verziehen. Vater, Tochter, Enkelkinder und Urenkel wohnen heute nah beieinander und kümmern sich umeinander – trotz aller Brüche und mancher Verletzung. Auch zu den Stiefschwestern in Thüringen ist die Verbindung nie abgerissen. Das Wichtigste ist, dass man zusammenhält. Oder wie Werner sagt: „Dass man über die Runden kommt“. Auch wenn das Leben noch so sehr dazwischen pfuscht.

aufgezeichnet im Seniorenzentrum Schöneberg
 
 
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