In der elften Minute

Mit 18 Jahren geht Ante fort aus Split, pflückt Erdbeeren in England, sieht die Beatles, trägt das Gepäck der Leute in einem Hotel, studiert Literatur und verschreibt sich dann doch ganz und gar dem Fußball. Und er hat nicht den geringsten Zweifel daran, dass Brasilien zum sechsten Mal Weltmeister werden wird.

São Paulo, 12. Juni 2014, 17 Uhr Ortszeit. Das Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien wird angepfiffen. Berlin-Schöneberg, 22 Uhr mitteleuropäische Zeit. Ante sitzt vor dem Fernseher. Er weiß, Brasilien, der Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft, ist haushoher Favorit. Aber die Kroaten halten gut mit. Und dann passiert es:

In der 11. Minute flankt Kroatiens Stürmer Olic von links, Brasiliens Verteidiger Marcelo hält unglücklich seinen Fuß an den Ball. Tor. 1:0 für Kroatien. Auch wenn es ein Eigentreffer ist. Ante reißt die Arme nach oben. Später wird Brasilien noch drei Tore schießen.

25. Juni 2014. Die kroatische Nationalmannschaft ist bereits ausgeschieden, sie hat die Vorrunde nicht überstanden. Ante sitzt in seinem Zimmer, im Rollstuhl; neben ihm auf dem Bett liegt ein Buch; gegenüber dem Bett, an der Wand, hängt eine gerahmte Urkunde, sein Schiffsingenieurdiplom; in der Ecke neben der Urkunde, auf einem Bord, steht eine Figur, der heilige Domnius, der Schutzpatron von Split.

Die erste Frage an ihn liegt auf der Hand: „Wer wird Weltmeister werden?“ Ante zögert nicht, nicht einen einzigen Augenblick. „Brazil“, sagt er, „Brazil will be world champion.“

Erdbeeren und Beatles

Er spricht englisch. Diese Sprache ist ihm näher als das Deutsche, obwohl er seit 25 Jahren hier lebt. Englisch war wichtiger, damals, als er aus Split fort ging, mit 18, per Anhalter nach Großbritannien fuhr, sich als Erdbeerpflücker durchschlug, tatsächlich die Beatles in einem stickigen, aus allen Nähten platzenden Pub in Liverpool sah, an einem College Kurse in englischer Literatur belegte, den Damen und Herren, die in einem feinen Londoner Hotel abstiegen, das Gepäck trug, sich entschied, Fußballvermittler zu werden.

Das englische Leben unterschied sich vom kroatischen, es war rauer, es regnete häufiger. Der postkartenblaue Himmel, das Mittelmeer, die Zypressen und Olivenbäume, die Geschwister und die Eltern fehlten. Trotzdem wollte er es versuchen, wollte nicht Schiffsingenieur sein, sondern in die Welt des Fußballs eintauchen, reisen, Erfolg haben, Geld verdienen.

Er vertraute niemandem

Ante nimmt das Buch neben sich auf dem Bett in die Hand. Vom Einband starrt Stefan Effenberg. „Ich hab’s allen gezeigt“ heißt seine Autobiographie. Ante blättert, bis zur Seite 209. Effenberg schreibt: „Spielvermittler aus ganz Europa standen bald bei mir auf der Matte. Ante aus München kam zum Kaffee zu mir nach Hause. Er hatte zwar selbst keine Lizenz zur Spielervermittlung, aber arbeitete mit jemandem zusammen, der eine besaß. Ein Jahr später besorgte er mir ein sehr lukratives Angebot aus Katar.“

Ante reiste, hatte Erfolg, verdiente Geld, viel Geld. Richtig in Schwung kam seine Karriere Anfang November 1978. Arsenal London spielte gegen Split und er kümmerte sich um einige kroatische Spieler. Eines Morgens schlug er die Sportseite einer britischen Zeitung auf und las, dass ein Spieleragent gesucht wurde. Seine Kontakte in der Szene halfen ihm, Fuß zu fassen. Immer ging es um hohe Summen, um Verhandlungsstrategien, darum, sich gegen andere Agenten durchzusetzen.

Er schlägt das Stefan Effenberg-Buch wieder zu und sagt: „I didn’t believe in anybody – Ich vertraute niemandem.“

Er vertraute ihr

Mit einer Ausnahme. Ante zeigt auf ein Foto im Regal: „Renate.“ Kennengelernt hat er Renate in München, geheiratet hat er sie in San José in Kalifornien. Sie haben immer englisch miteinander gesprochen, sind zusammen durch die Welt gereist, nach Saudi Arabien, nach Malaysia, nach Split.

In Shanghai verlor er zum ersten Mal den Boden unter den Füßen, buchstäblich: Er fiel um, im Hotel, ohne Ankündigung. Ein Schlaganfall. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr laufen. Nur mühsam verbesserte sich sein Zustand. „I was down – Ich war unten“, sagt er. Und wusste nicht, dass ein zweites Unglück noch vor ihm lag. Renate erkrankte an Krebs. Seit drei Jahren lebt er ohne sie.

Belo Horizonte, 8. Juli 2014, 17 Uhr Ortszeit. Das Halbfinale Brasilien gegen Deutschland wird angepfiffen.

Berlin-Schöneberg, 22 Uhr mitteleuropäische Zeit. Ante sitzt vor dem Fernseher. Die Brasilianer beginnen gut, druckvoll. Doch dann passiert es: In der 11. Minute steht der Stürmer Thomas Müller frei im Fünfmeterraum und schießt. Tor. 1:0 für Deutschland. Es werden noch sechs Treffer folgen. Ante freut sich. Dennoch.

aufgezeichnet von Tatjana Wulfert im Seniorenzentrum Schöneberg
 
 
 
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