Blonde Locken

Möchte sich Gisela die Haare machen lassen, muss sie weder auf einen Termin warten noch umständlich ihre Wünsche erklären. Denn sie ist selbst Friseurin. Vor 35 Jahren entschied sie sich, aufs hessische Land zu ziehen, aber jetzt ist sie wieder zurück, in ihrer Heimatstadt.

Sechsundsiebzig? Sie soll sechsundsiebzig sein? Nein, darauf kommt man beim besten Willen nicht. Ihre Frisur ist tipptopp. Tadellos sitzende, weiche Locken umrahmen das hübsche, glatte Gesicht. Vielleicht ist Gisela aber auch ein wenig im Vorteil im Vergleich zu anderen Frauen. Denn sie kann sich die Haare selbst machen.

Seit bald sechzig Jahren kann sie sie färben, wickeln und ihnen dann mit Kamm und Bürste den letzten Schliff geben. Sie muss weder auf einen Termin warten noch der Friseurin umständlich ihre Wünsche erklären, und zudem ist es so wesentlich preiswerter. Einmal, aber das ist jetzt auch schon wieder Jahrzehnte her, war sie gezwungen, eine Idee weniger perfekt loszulaufen, was ärgerlich war, da es doch um die Nacht der Nächte ging. Für eine Silvesterfeier hatte sie sich bereit erklärt, ihre Freundinnen herauszuputzen, geduldig eine nach der anderen, bis die Uhrzeiger allerdings soweit vorgerückt waren, dass keine Zeit mehr für sie selbst blieb.

Die Frisuren werden höher

Die Frisuren der 50er Jahre erforderten ja auch einen erheblich größeren Aufwand als dann jene in den 60ern, da nicht einmal die Spitzen der über die Schultern und ins Gesicht hängenden Haare abgeschnitten werden durften. In den 50ern wurde in die Höhe toupiert, es wurde onduliert und blondiert, und am Ende sah man vielleicht ein wenig aus wie einer der Stars auf den Filmplakaten.

Nach den mageren 40ern, in denen es schlicht ums eigene Überleben oder das seiner Angehörigen ging, in denen die Haare nicht gezeigt wurden, sondern unter Soldatenhelmen und Kopftüchern verborgen geblieben waren, konnte man sich jetzt endlich wieder, im Wirtschaftswunderdeutschland, seinem Äußeren zuwenden.

Allerdings kam Giselas Berufswahl nicht von ungefähr. Schon ihr Vater war Friseurmeister und auch ihre Mutter, gemeinsam betrieben sie einen Salon in der Selchower Straße in Neukölln, und an den Nachmittagen, wenn die Schule aus war, half sie den Eltern, fegte Haarbüschel zusammen oder reichte ihnen das Onduliereisen.

Zahnbürste und Onalkali

An solchen Wicklern aus Metall blieben die blonden Locken von Giselas Kundin kleben.

Dieses Onduliereisen machte Gisela Sorgen, später, als sie selbst Lehrmädchen war: „Ich hatte immer Angst um die Ohren der Damen“, erzählt sie und muss ein bisschen lachen. Doch klappte dann alles ausgezeichnet während der Gesellenprüfung, immerhin hatte sie vorher ordentlich geübt, bevorzugt auf den Köpfen ihrer Freundinnen.

Dabei war die Ausbildung nicht immer ein Spaziergang. Herr Hauffe, der Inhaber des Friseurgeschäftes, ließ sie manchmal mit einer Zahnbürste in die Ecken des Salons kriechen, um auch noch das letzte Staubkörnchen zu eliminieren. Aber zu ihrem Abschluss überreichte er ihr eine Flasche „Onalkali“, das weltweit erste alkalifreie Shampoo, entwickelt von Hans Schwarzkopf.

Der Berliner Chemiker und Apotheker war es auch, der 1927 die Weltneuheit eines flüssigen Haarwaschmittels auf den Markt gebracht hatte, zuvor wusch man sich den Kopf einfach mit Kernseife und versuchte dann, das stumpfe Ergebnis mit Essig- oder Zitronensäure ein wenig zum Glänzen zu bringen.

In dieser Hinsicht also hatte sich einiges getan, bei der Anwendung der Blondierungsmittel aber musste man sich nach wie vor ungemein vorsehen. Eines Tages kam eine Dame, die sich eine blonde Dauerwelle von Gisela wünschte. Gisela rührte das Präparat an, verteilte es auf dem Haar der Dame, drehte es ein und wartete. Dann löste sie die Wickler. Und mit ihnen auch gleich die Strähnen. Sie hatte zuviel der scharfen Flüssigkeit vermengt: Die Locken saßen nun nicht adrett auf dem Kopf der Kundin, sondern klebten an den kleinen metallenen Rollen. „Das war mein schlimmstes Erlebnis“, sagt Gisela und schaut immer noch, nach all den Jahren, ein wenig erschrocken. „Aber die Dame verzichtete glücklicherweise darauf, die Sache an die große Glocke zu hängen.“

Fliesen und verfugen

Inzwischen hatte Gisela geheiratet, einen Fernmeldemechaniker, und einen Sohn bekommen, Michael. Michael sitzt seiner Mutter gegenüber und hört den alten Geschichten zu. Er kommt fast täglich vorbei, gemeinsam gehen sie spazieren oder einkaufen oder ins Theater. Er liebt ihre sauren Eier in Senfsauce und ihren Käsekuchen. „Selbst wenn Michael erst abends um zehn oder um elf nach Hause gekommen ist“, sagt Gisela, „hat er noch ein Stück gegessen.“ Um seinetwillen auch hat sie den Friseurberuf aufgegeben, nach der Scheidung von dem Fernmeldemechaniker. „Ich musste ihn zu oft und zu lang allein lassen, auch samstags. Also habe ich eine Umschulung zur Schreibkraft gemacht und hatte dann geregelte Arbeitszeiten.“

1975 heiratete Gisela ein zweites Mal, Günter. Ende der 70er Jahre schlug Günter vor, aus Berlin wegzuziehen, nach Hünfeld in Hessen, wo sie ein Haus nach ihren Vorstellungen umbauten. Das Haus lag an einem Berg, am Rand der Rhön, mit Blick auf die Wasserkuppe. Sie widmete sich ganz und gar diesem Haus, gab die Stelle bei der BfA auf, um weitab vom Großstadtgetöse zu fliesen, zu verfugen, die Fenster zu streichen. Doch dann starb Günter, 1989, und im Lauf der Zeit auch die Nachbarn und die Freunde und zum ersten Mal seit Langem sehnte sie sich nach Berlin.

Michael ist jetzt da für sie, und ihre Enkelinnen, Miriam und Annika. Mit Miriam hat sie kürzlich alle ihre Kleider hervorgeholt und anprobiert, und tatsächlich, sie passen noch. Mit Michael ist bald ein Bummel durchs KaDeWe geplant. Und dann gibt es ja noch ihre Schulfreundin, Gisela. Damals, in den 50ern, ist die eine Gisela zur anderen in den Friseursalon gegangen und hat ihr sozusagen ihren Kopf geborgt, zum Üben für die Gesellenprüfung. Manchmal treffen sich die beiden Giselas und erinnern sich gemeinsam daran, wie es war, früher.

aufgezeichnet von Tatjana Wulfert im Seniorenzentrum Schöneberg
 
 
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