Sie hatte keines vergessen

An einem Sommertag im Jahr 1954 fuhren Annemarie und Horst an die Havel. Sie sprangen ins Wasser, sie legten sich ins Gras, sie nahmen sich bei den Händen. Im Sommer 2014 sind sie noch immer beieinander. Doch ist es Horst jetzt, der sich erinnert, an all die Einzelheiten, die düsteren auch und die vielen frohen.

Sie liegt noch dort, die „Alte Liebe“, längs des linken Ufers der Havel, wo der Fluss sich weitet und zum Stößensee wird. Noch immer schlagen unten die Wellen sacht gegen den blauen Balken des Schiffsrumpfes, während oben auf dem Achterdeck Familien zur Mittagszeit Zander und Schnitzel bestellen, Paare am Abend aneinandergeschmiegt vor einer Weiße mit Schuss sitzen.

Auch Annemarie und Horst saßen dort, auf der „Alten Liebe“, 1954, als ihre eigene noch ganz jung war. Sie hatten sich an einem Sommertag entschlossen, an die Havel zu fahren, waren ins Wasser hinein gerannt und wieder heraus, hatten sich tropfnass ins Gras gelegt, gelacht und waren dann auf den Dampfer gestiegen, hatten, in der Dämmerung, einer des anderen Hand scheu und wie aus Versehen berührt.

„Wir sind immer Hand in Hand gegangen“, sagt Horst, „auch als wir schon alt waren. Die Leute haben sich manchmal sogar nach uns umgedreht.“

„Du passt schön auf“, sagt er und sie nickt.

Auch jetzt lassen sie sich nicht los. Wenngleich sie nicht mehr gemeinsam über den Kurfürstendamm laufen können, nicht mehr an die Ostsee fahren oder nach Thüringen.

Annemarie liegt im Bett und Horst kommt jeden Tag, setzt sich zu ihr, streicht über ihr Gesicht, über ihre Haare: „Ein herrliches Strohblond hatte sie. Unser Treffpunkt war immer die Uhr am Bahnhof Zoo. Alle verabredeten sich dort. Selbst ein Lied gibt es über diesen Ort. ‚Die Uhr am Bahnhof Zoo kennt viele Liebespärchen, denn an der Uhr am Zoo begann manch junges Glück.’“ Annemarie fällt es schwer, alle Begebenheiten all der Jahre zu ordnen. Doch ist Horst ja da und erinnert sich für sie. „Du passt schön auf, dass ich nichts falsches erzähle“, sagt er zu ihr und Annemarie nickt.

Sie ist im September zur Welt gekommen, in Lübben, im Spreewald, vier Monate vor der Machtergreifung der Nazis. Ihr Vater war Böttchermeister, baute in seiner eigenen Werkstatt die Eichenfässer, in denen die Gurken eingelegt wurden.

Wie viele? Das kann sie unmöglich sagen.

Einige wenige Jahre später schon war alles zerstört, die Werkstatt und Annemaries Elternhaus. Doch bevor die alliierten Bomber die Stadt erreicht hatten, war die Familie zu den Großeltern nach Groß Leuthen in der Märkischen Heide geflohen. Und kehrte nie wieder zurück.

1948 ging Annemarie aus dem Brandenburgischen fort, hinein ins zerstörte Berlin und ließ sich zur Krankenschwester ausbilden, legte ihr Staatsexamen beim Roten Kreuz ab und begann, auf der Geburtsstation des Behring-Krankenhauses zu arbeiten. Wie vielen Mariendorfer Kindern sie geholfen hatte, auf die Welt zu kommen, konnte sie unmöglich sagen, unzähligen, aber manchmal, Jahre später, traf sie eines dieser Kinder, das sich naturgemäß nicht mehr an sie erinnerte, Annemarie jedoch hatte keines vergessen.

1956 heiratete sie Horst und wechselte von der Klinik in eine Arztpraxis, die Arbeitszeiten waren geregelter, sie kam pünktlicher nach Hause, kein unwesentlicher Umstand, denn sie war nun eine Ehefrau und eine solche kauft auch ein, kocht, wäscht, näht und hält die Wohnung in Ordnung. Horst beugt sich zu Annemarie, legt seine Hand auf ihren blassen Arm und sagt zärtlich: „Du warst eine der tüchtigsten Hausfrauen, mein Spatz.“

Was nicht hieß, dass er sie mit all der Arbeit allein ließ. Hin und wieder brachte er, da er im Feinkosthandel tätig war, besondere Kleinigkeiten mit, die sie am Abend gemeinsam aßen. „Aber ihr Karpfen in Biersauce und ihr Tafelspitz übertrafen alles.“

Windeln jedoch wusch Annemarie nie, kochte keinen Brei, nähte keine Hemdchen, keine Höschen. Man hatte die Wölbung unter ihren Kleidern schon deutlich erkennen können, aber eines Tages, in der Praxis, trat ihr eine demenzkranke Frau mit solcher Wucht gegen den Bauch, dass das Kind nicht überlebte.

Die Veränderung war tiefer

Horst und Annemarie fassten einander bei den Händen, fester noch als zuvor. Sie flogen nach Rimini und badeten „im blauen Meer“, wie sie sagte. Sie gingen in die Oper und mochten vor allem „Die Macht des Schicksals“ von Verdi. Sie sahen Musicals im Theater des Westens, das bejubelte „My Fair Lady“ und den Broadway-Klassiker „Annie Get Your Gun.“ Sie besuchten, auch nach dem Mauerbau, Annemaries Eltern drüben in Ost-Berlin, bereisten nach dem Mauerfall, zwei Wochen im Frühjahr und zwei Wochen im Herbst, all die Orte, in Sachsen, Sachsen-Anhalt, an der Küste, die sie vorher nicht gekannt hatten.

1997 hörte Annemarie auf zu arbeiten. Sie reisten weiter, wanderten, immer gemeinsam, auch wenn es beschwerlicher wurde. Annemarie stürzte einige Male, verletzte sich die Knie, den Ellbogen, brach sich den Oberschenkel. Aber die Veränderung, die Horst dann wahrnahm, war tiefer, grundsätzlicher. Annemarie liegt im Bett und Horst kommt jeden Tag, setzt sich zu ihr, hält ihre Hand. Und manchmal beginnt er, sich zu erinnern: „Weißt Du noch, mein Spatz, wie es war, damals, auf der „Alten Liebe.“

aufgezeichnet von Tatjana Wulfert im Seniorenzentrum Schöneberg
 
 
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