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„LOVE“-Storys aus dem Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg

„LOVE“ heißt bei uns LebensOrt Vielfalt Erleben: Die Vielfalt zeichnet sich in unserer Einrichtung neben einer queersensiblen Pflege auch durch eine (post-)migrationssensible Dimension aus. Lernen Sie unsere Einrichtung und die Menschen in unseren „LOVE“-Storys kennen.

Ein Interview mit Betreuungsassistent Robin Bohn

Robin Bohn arbeitet seit vier Jahren im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg als Betreuungsassistent. Der ausgebildete Schauspieler hat nach dem Studium zehn Jahre an diversen Theatern im deutschsprachigen Raum gespielt, bevor er sehr bewusst in die Betreuung in der Pflege gewechselt ist. Am Faschingsdienstag hat Robin Bohn im Interview erzählt, welche Bedeutung das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt für diversitätssensible Pflege für ihn hat und wie er Vielfalt dort erlebt.

Wie erleben Sie das Miteinander in der Einrichtung in Bezug auf Vielfalt?

Hier lebt ja ein Konglomerat an Menschen. Wir haben unter den Bewohnerinnen und Bewohner zutiefst katholische Menschen und evangelische, wir hatten bis vor ein paar Monaten eine muslimische Bewohnerin, wir haben Humanisten, wir haben queere Menschen. Das reibt sich natürlich auch mal. Also wie überall. Aber es gibt trotzdem ein ganz tiefes Verständnis für den anderen, für das Gegenüber. Das ist das, was im Vordergrund steht.

Wenn jemand an Demenz leidet, ob er jetzt ein Humanist ist oder ein Atheist oder was auch immer oder queer, spielt eigentlich keine Rolle, sondern eher: Wie gehe ich damit um? Obwohl wir ein kleines Haus sind und es auch immer mal wieder knallen kann, ist es ein Spiegelbild der Gesellschaft. Ich erlebe hier, dass die Menschen mit Lösungsorientierung immer wieder zusammenfinden. Das ist auch Vielfalt.

Und wie gestaltet sich Vielfalt in der Mitarbeitendenschaft? Wie macht sich der Lebensort Vielfalt für Sie dort bemerkbar?

Das macht sich vor allen Dingen darin bemerkbar, dass hier Mitarbeitende aus vielen verschiedenen Herkunftsländern arbeiten, Menschen mit Migrationserfahrung und verschiedenen religiösen Hintergrundgeschichten. Das finde ich toll an diesem Haus, dass das genauso wenig eine Rolle spielt wie sexuelle Identität. Wir sind hier, glaube ich, ein bunter Haufen in der Betreuung, in der Pflege, im ganzen Haus. Wer auch immer sich bei uns vorstellt, bewirbt, hinzukommt: Wir sind da wertungsfrei und empfangen jeden. Jeder Mensch ist immer einzigartig und individuell.

Wer sich auch immer bei uns bewirbt: Wir sind ein bunter Haufen in der Betreuung, in der Pflege, im ganzen Haus. Wir sind da wertungsfrei und empfangen jeden. Jeder Mensch ist immer einzigartig und individuell.

Robin Bohn, Betreuungsassistent

Mit welchen Veranstaltungen feiern Sie in der Betreuung die Vielfalt?

Ich freue mich, dass wir eine Angehörige haben, Susan Navissi, die sich sehr aktiv einbringt und jeden Monat einen interkulturellen Nachmittag anbietet. Sie hat einen iranischen Nachmittag angeboten, einen indischen, einen griechischen, einen italienischen, einen französischen. Jetzt kommt der türkische Nachmittag und dann der russische. Sie bringt Lektüre aus dem jeweiligen Land mit, Reime, Gedichte, Märchen, es gibt kleine Spezialitäten des Landes zu essen. Beim indischen Nachmittag hat sie Yogi-Tee gekocht.

Wir machen auch die traditionellen Feste wie Fasching, Weihnachtsfeier, Ostercafé und Frauentagscafé. Bei den religiösen Anlässen gucken wir immer so ein bisschen, was es für Schnittstellen gibt. Eine unserer Betreuungskräfte ist Muslima. Sie hat zum Beispiel über den Ramadan und das Zuckerfest informiert.

Dann gibt es die queere Thematik. Wir machen Ausflüge zum Christopher Street Day, zum lesbisch-schwulen Stadtfest, zur Christmas Avenue, dem LGBTQIA Weihnachtsmarkt am Nollendorfplatz, und wir haben im Oktober ein eigenes queeres Fest gefeiert.

Wie haben Sie das queere Fest gefeiert?

Ich habe von verschiedenen queeren Autorinnen und Autoren Gedichte und Texte vorgelesen. Wir haben Zitate von berühmten Persönlichkeiten, die sich über Diskriminierung geäußert haben, überall an die Wände geklebt.

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass eher die queeren Leute zu dem Fest kommen, aber so war es gar nicht. Das fand ich besonders toll. Es waren viele Angehörige und Bewohnende da, die das Thema unglaublich interessant fanden, die Fragen gestellt und mitgefeiert haben.

Ich habe auf Deutsch ein Gedicht von dem spanischen, homosexuellen Poeten Federico García Lorca vorgelesen. Er wurde im spanischen Bürgerkrieg von den Faschisten ermordet. Das Gedicht klingt auf Spanisch aber viel besser. Ein Angehöriger war dabei, der dieses Gedicht auf Spanisch auswendig konnte. Dem habe ich das Mikrofon gegeben und er hat es dann auf Spanisch vorgetragen. Das war ein absolutes Highlight.

...es gibt trotzdem ein ganz tiefes Verständnis für den anderen, für das Gegenüber. Das ist das, was im Vordergrund steht.

Robin Bohn, Betreuungsassistent

Was ist das Wichtigste an den vielen verschiedenen Veranstaltungen?

Für mich geht es vor allem darum, dass wir sehr oft Veranstaltungen machen. Ich möchte, dass die Bewohnerinnen und Bewohner sich sehr oft begegnen. Dadurch verändert sich etwas. Seitdem wir die Veranstaltungen hochgefahren haben, sind viel mehr Freundschaften entstanden. Es gibt mehr Möglichkeiten, sich zu sehen, sich auszutauschen und das mitzunehmen auf die eigenen Wohnbereiche.

Zum dritten Mal ausgezeichnet – Ist das Zertifikat in der heutigen Zeit wieder ein Statement?

Als ich vor vier Jahren hier angefangen habe, gab es in der Welt schon eine Tendenz der Verrohung, aber das hat ja nun gerade in den letzten Jahren extrem zugenommen. Deswegen finde ich die Rezertifizierung, jetzt auch mit der (post-)migrantischen Pflege, gesellschaftspolitisch unglaublich wichtig: Wenn wir darüber reden, ob der Bundestag eine Regenbogenflagge hisst und das nicht tut. Wenn wir sehen, wie Menschen die Welt quasi neu aufteilen und auch ganz aktiv spalten, gerade in den großen Ländern. Oder gerade auch in den demokratischen Vorbildländern, wie auch dort Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung inzwischen verfolgt und ausgegrenzt werden.

Dieses Zertifikat ist ein wichtiges Zeichen, dass es hier diesen Lebensort Vielfalt gibt und dass wir diesen Schutz weiter anbieten und hoffentlich uns weiter bemühen, dieses Siegel auch bei den nächsten Rezertifizierungen wieder zu erlangen. Menschen, die Toleranz brauchen – und eigentlich braucht die ja jeder –, aber die sich in einer Minderheit fühlen, die brauchen diese Orte und die dürfen nicht verschwinden und die dürfen nicht beliebig werden. Das ist ein kleiner, aber eben wichtiger Auftrag.